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Sep 22, 2019 Letztes Update Mrz 8, 2021 10 min lesen

Kann Cannabis bei Migräne helfen?

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von Gleb Oleinik

Überblick

Die Menschheit verwendet Cannabis schon seit Urzeiten, um Migräne-Kopfschmerzen zu lindern. Dies ist auch heute noch eine beliebte Praxis, da Standardmedikamente nicht immer Linderung bieten und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sind.

In neueren medizinischen Studien werden nun nach und nach die positiven Auswirkungen von Cannabis und die Beteiligung des Endocannabinoid-Systems bei Migräne nachgewiesen.

Tatsächlich deuten bahnbrechende Erkenntnisse darauf hin, dass ein unterversorgtes Endocannabinoid-System die zugrundeliegende Ursache für Migräne und einige andere schwer zu behandelnde Erkrankungen sein kann.

Was ist das Endocannabinoid-System? Wie steht es mit Migräne im Zusammenhang? Kann Cannabis Abhilfe schaffen? Das ist der aktuelle Stand der Forschung.

Das Endocannabinoid-System

Das Endocannabinoid-System ist ein wichtiges biologisches System, das an der Aufrechterhaltung eines gesunden Gleichgewichts im gesamten Körper, Homöostase genannt, mitwirkt. 

Dieses System besteht aus Cannabinoid-Rezeptoren, Endocannabinoiden und den Enzymen, die Endocannabinoide herstellen und abbauen. Es ist an der Regulation zahlreicher wichtiger Prozesse wie kognitive Funktion, Stimmung, Stoffwechsel, Arbeit des Immunsystems und Schmerzempfinden beteiligt. 

Bisher hat die Wissenschaft zwei Cannabinoid-Rezeptoren identifiziert: CB1- und CB2-Rezeptoren. Obwohl sie über den ganzen Körper verteilt sind, sind CB1-Rezeptoren besonders häufig im zentralen Nervensystem vorhanden, während CB2-Rezeptoren häufig in Immunzellen vorkommen. Diese Rezeptoren werden durch zwei Endocannabinoide des menschlichen Körpers aktiviert: Anandamid und 2-AG. 

Ebenso können Phytocannabinoide (pflanzliche Cannabinoide) wie THC und CBD mit den Cannabinoid-Rezeptoren interagieren.

Das Endocannabinoid-System und Migräne

Forschungsstudien deuten darauf hin, dass das Endocannabinoid-System bei mehreren an Migräne beteiligten Prozessen beteiligt ist. 

Ein solcher Prozess ist die Freisetzung der chemischen Substanz Serotonin durch die Blutplättchen. Studien deuten darauf hin, dass Endocannabinoide diese Freisetzung verhindern und dass Menschen mit chronischer Migräne einen geringeren Gehalt an Anandamid und 2-AG in ihren Blutplättchen haben.

Noch bedeutsamer ist, dass Endocannabinoide Einfluss auf einen Teil des Gehirns namens „trigeminovaskuläres System“ haben. Dieses System spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Migräneanfällen. Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Endocannabinoide dieses System über den CB1-Rezeptor regulieren.

Eine Studie aus dem Jahr 2004 ergab zum Beispiel, dass Anandamid die Trigeminalneuronen hemmt, wodurch einer Migräne vorgebeugt werden könnte.

Noch interessanter: Eine Folgestudie aus dem Jahr 2011 ergab, dass die Verabreichung von Anandamid an Ratten mit migräneartigen Kopfschmerzen sowohl die Neuronenaktivierung im Trigeminovaskulärsystem als auch die damit verbundenen Schmerzen reduzierte. 

Ähnliche Ergebnisse wurden in einer Studie aus dem Jahr 2015 mit dem FAAH-Enzym, das für den Abbau von Anandamid verantwortlich ist, festgestellt. Die Wissenschaftler lösten die migräneartigen Kopfschmerzen bei Mäusen fast vollständig auf, indem sie dieses Enzym ausschalteten oder Präparate, die seine Wirkung hemmten, verabreichten.

Diese Erkenntnisse veranlassten die Wissenschaftler zu der Annahme, dass ein dysfunktionales Endocannabinoid-System für Migräne verantwortlich sein könnte.

Diese These wurde erstmals 2001 von Dr. Ethan B. Russo, Director of Research and Development am International Cannabis and Cannabinoids Institute (ICCI) und einer der führenden Experten für medizinisches Cannabis, in seiner Theorie des klinischen Endocannabinoid-Mangels aufgestellt.

Nach dieser Theorie kann ein niedriger Endocannabinoid-Spiegel die Ursache für eine Vielzahl von schwer zu behandelnden Erkrankungen sein, darunter entzündliche Darmerkrankungen, Fibromyalgie und Migräne.

Der stärkste Beweis für diese Hypothese stammt aus einer Studie aus dem Jahr 2007, die ergab, dass Menschen mit chronischer Migräne einen niedrigeren Anandamidspiegel in ihrer Liquorflüssigkeit hatten als gesunde Menschen. Laut den Autoren dieser Studie ist es daher naheliegend, dass das Endocannabinoid-System aufgrund unzureichender Spiegel die trigeminovaskuläre Aktivierung nicht hemmen kann und deswegen eine Migräne ausgelöst wird.

Schließlich gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte genetische Variationen des CB1-Rezeptors eine Person anfällig für Migräne machen können – was logisch ist, da Anandamid hauptsächlich über diesen Rezeptor wirkt.

Migränebehandlung mit medizinischem Cannabis

Obwohl Cannabis schon lange gegen Migräne eingesetzt wird, gibt es auf diesem Gebiet nicht viel Forschung. Die aktuellen Ergebnisse sind jedoch überwältigend positiv und stützen die Theorie, dass ein Endocannabinoid-Mangel die Ursache von Migräne ist.

In einer Studie der University of Colorado aus dem Jahr 2016 wurde die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei 121 Menschen mit Migräne untersucht. Die Behandlung war bei 85,1% der Patienten wirksam und reduzierte die Anzahl der Migräneanfälle von durchschnittlich 10,4 auf 4,6 pro Monat. Es wurde beobachtet, dass Cannabis nicht nur die Anzahl der Migräneanfälle reduziert, sondern auch die Schmerzen stoppt, wenn es während eines Migräneanfalls eingenommen wurde.

Weiterhin wurde in einer Studie aus dem Jahr 2019 die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei 316 Patienten mit chronischer Migräne untersucht. Insgesamt berichteten 88,3% der Patienten über eine Verbesserung der Migräne, wobei die monatliche Anfallshäufigkeit um durchschnittlich 42,1% reduziert wurde. Einige Patienten erlebten eine noch stärkere Senkung der Anfallshäufigkeit (50% oder mehr) und viele Patienten berichteten von Verbesserungen ihres Schlafverhaltens, ihrer Angststörungen und Gemütslage. 

Interessanterweise ergab die Studie auch, dass Cannabis mit einem Verhältnis von THC zu CBD von 20:1 zu stärkeren Verbesserungen führte als Cannabis mit einem Verhältnis von 1:1. Dieses Ergebnis könnte dadurch erklärt werden, dass die Funktion und Wirkung von THC – im Gegensatz zu der von CBD – einem Anandamid ähnelt.

Darüber hinaus ergab eine kontrollierte Tierstudie aus dem Jahr 2018, dass isoliertes THC die Migräneschmerzen bei weiblichen Ratten reduziert, was die These, dass Cannabinoide bei der Behandlung von Migräne bei Menschen nützlich sein könnten, unterstützt.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass Cannabis bei den beiden Hauptsymptomen der Migräne helfen kann: Schmerzen und Übelkeit. Die schmerzlindernde Wirkung von Cannabis wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen, so dass die National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017 die folgende Erklärung veröffentlichten: „Es gibt schlüssige und eindeutige Beweise dafür, dass Cannabis oder Cannabinoide bei der Behandlung von chronischen Schmerzen bei Erwachsenen wirksam sind.“ 

Inzwischen werden auch die Übelkeit-lindernden Effekte von Cannabis durch Forschungsergebnisse gestützt und auf Cannabis basierende Arzneimittel wie Marinol werden bereits zur Behandlung bestimmter Arten von Übelkeit eingesetzt.

Nebenwirkungen von Cannabis

Obwohl Cannabis eine ausgezeichnete Option zur Behandlung von Migräne zu sein scheint, hat es einige unerwünschte Wirkungen.

Nebenwirkungen

Insbesondere sind die psychoaktiven Nebenwirkungen, zu denen Euphorie, Gedächtnisstörungen und Angstzustände gehören, das Haupthindernis für einen verstärkten medizinischen Einsatz von Cannabis. Darüber hinaus kann Cannabis andere Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Benommenheit und Müdigkeit verursachen.

Letztendlich gilt Cannabis jedoch als eine sichere Substanz. Dies ist vor allem der Fall, wenn wir es mit anderen Arzneimitteln zur Migränebehandlung, wie zum Beispiel NSAIDs vergleichen. Ein weiterer Vorteil von Cannabis: Es hilft, den Einsatz von Opioiden, die manchmal trotz ihrer süchtig machenden Eigenschaften und ihrer Fähigkeit, medikamenteninduzierte Kopfschmerzen zu verursachen, gegen chronische Migräne verschrieben werden, zu reduzieren.

Aktuell zugelassene legale Anwendung von medizinischem Cannabis zur Migränebehandlung

Chronische Schmerzen, einschließlich Migräne, sind der häufigste Grund für den Gebrauch von medizinischem Cannabis. Aus diesem Grund führt die überwiegende Mehrheit der Länder und Staaten mit einem medizinischen Cannabisprogramm, chronische Schmerzen als nötige Voraussetzung an. Dazu gehören Kanada, Deutschland und die Niederlande. 

Es gibt jedoch einige Ausnahmen. So hat beispielsweise Großbritannien ein strenges Programm für medizinisches Cannabis, in dem chronische Schmerzen oder Migräne derzeit nicht als nötige Voraussetzung aufgeführt sind.

In den USA ist die Anwendung von medizinischem Cannabis zur Migränebehandlung im District of Columbia und 33 Bundesstaaten erlaubt: Alaska, Arizona, Arkansas, Kalifornien, Colorado, Connecticut, Delaware, Florida, Hawaii, Illinois, Louisiana, Maine, Maryland, Massachusetts, Michigan, Minnesota, Missouri, Montana, Nevada, New Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Dakota, Ohio, Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, Washington, West Virginia, Utah und Vermont.

Fazit

Cannabis war und ist eine der beliebtesten Optionen zur Behandlung von Migräne. Diese Praxis hat dank neuerer Forschungsergebnisse eindeutig zahlreiche Vorteile, da ein unterversorgtes Endocannabinoid-System die Ursache für Migräne sein kann.

Die Verwendung von Cannabispräparaten zur Beseitigung dieses Mangels bietet daher einen natürlichen Weg, Migräne vorzubeugen, anstatt nur ihre Symptome zu behandeln. Noch wichtiger ist, dass dies mit Cannabis ohne die signifikanten Nebenwirkungen von Standardpräparaten möglich ist.

Obwohl dringend weitere klinische Studien zur Erforschung der Wirksamkeit von medizinischem Cannabis zur Migränebehandlung erforderlich sind, sind die derzeitigen Belege signifikant genug, um seinen Einsatz zu unterstützen.

Haftungsausschluss

Inhalte auf The Cannigma dienen nur zu Informationszwecken. Sie sind kein Ersatz für professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Vor Beginn einer Behandlung mit Cannabis sollten Sie sich immer von einem Arzt mit Erfahrung mit medizinischem Cannabis beraten lassen.

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