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Okt 10, 2019 4 min lesen

Was ist der Entourage-Effekt?

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von Mary Biles
Medizinisch überprüft von Roni Sharon, MD
Scientist examining cannabis plant

Warum sind Cannabisextrakte aus der ganzen Pflanze gesundheitsfördernder als isoliertes THC und CBD? 

Die meisten Leute sind es gewohnt, gegen unterschiedlichste Befindlichkeitsstörungen synthetische weiße Pillen mit einzelnen Molekülen einzunehmen. Daher ist die Vorstellung, dass ein Pflanzenextrakt mit Hunderten von Inhaltsstoffen besser funktionieren soll, schwer zu glauben. Doch warum Vollpflanzen-Cannabis besser wirkt, lässt sich anhand des Entourage-Effekts, also der synergistischen Beziehung zwischen allen oder vielen Molekülen in Cannabis, erklären. 

Cannabis: Eine komplexe Pflanze

Seit Jahrtausenden verabreichen Ärzte und Heiler Cannabispräparate. Damals stellte niemand die molekulare Zusammensetzung der Pflanze in Frage. Mit der Entdeckung der primären Cannabinoide – Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) – entwickelte sich jedoch ein besseres Verständnis der Cannabispflanze. 

Heute geht man davon aus, dass es 144 Cannabinoide gibt (aber es werden ständig noch weitere entdeckt, sodass die Zahl sicherlich noch ansteigen wird). Es gibt zum Beispiel die THC- und CBD-Vorstufen THCA und CBDA oder Cannabigerolsäure (CBGA), das Ausgangsmolekül zur Herstellung anderer Cannabinoide. Dann gibt es noch Cannabinol (CBN), ein leicht psychoaktives Cannabinoid, das in altem Cannabis vorkommt. Außerdem wäre da noch Tetrahydrocannabivarin (THCV), ein Homolog von THC, das den Appetit unterdrückt. Cannabidivarin (CBDV) nicht zu vergessen. Es hat eine antiepileptische Wirkung. Zu den restlichen etwa 130 anderen Cannabinoiden sind noch weitere Studien erforderlich, um zu verstehen, wie sie auf den Körper wirken.

Weiterhin sind etwa 150 Terpene vorhanden. Sie verleihen der Pflanze ihr charakteristisches Aroma. Terpene kommen nicht nur in Cannabis vor: In jeder aromatischen Pflanze, sogar in Obst und Gemüse, sind die gleichen Terpene wie in Cannabis zu finden. Zitrusfrüchte beispielsweise sind reich an Limonen und Kiefern reich an Pinen. In Lavendel ist Linalool und in schwarzem Pfeffer Beta-Caryophyllen zu finden. 

In der Natur wirken Terpene als Abwehrmittel gegen Insekten, aber beim Menschen haben sie oft eine medizinische Wirkung. Ab einer Konzentration von 0,05 % gelten sie als „von pharmakologischem Interesse“ und interagieren mit Zellmembranen, neuronalen und muskulären Ionenkanälen, Neurotransmitter-Rezeptoren, G-Protein gekoppelten Rezeptoren und Enzymen.

Studien haben gezeigt, dass zum Beispiel Limonen angstlösend, Pinen antibiotisch, Linalool anästhetisch und antikonvulsiv sowie Beta-Caryophyllen stark entzündungshemmend wirkt. Dann ist da noch das entspannende Myrcen, das vermutlich der Hauptfaktor für die Differenzierung zwischen Sativa- und Indica-Sorten ist.

Nicht zu vergessen die Flavonoide, die Stoffwechselprodukte der sekundären Pflanzeninhaltsstoffe, die das Gelbpigment in Pflanzen bilden. Flavonoide können antioxidantiv, antibiotisch und in einigen Fällen sogar antitumoral wirken.

Entourage-Effekt vs. Pharmazeutisches Modell

Wenn man bedenkt, dass eine einzelne Pflanze Hunderte von potenziell therapeutischen Wirkstoffen enthält, lässt sich leicht verstehen, warum WissenschaftlerInnen sie so begeistert isolieren und als Grundlage für zukünftiger Medikamente verwenden möchten. In der Tat ist dies für ForscherInnen der logischste Schritt, um die Cannabispflanze wirklich umfassend zu verstehen. Sie müssen wissen, welche Cannabisbestandteile für die vielfältigen medizinischen Effekte verantwortlich sind, um die Wirkungsmechanismen auf den Körper zu untersuchen. 

Derzeit sind schon einige cannabishaltige Medikamente erhältlich, vor allem gereinigte cannabinoidbasierte Medikamente (Epidiolex), Molekülkombinationen (Sativex) oder synthetische Mittel (Marinol).

Interessanterweise geben viele Patienten an, dass sie mit Cannabisprodukten, die die gesamte Bandbreite der Inhaltsstoffe enthalten, bessere Ergebnisse erzielen. Eine Meta-Analyse, bei der isoliertes und Vollpflanzen-CBD zur Epilepsiebehandlung verglichen wurde, ergab, dass das Vollpflanzen-CBD nicht nur doppelt so wirksam war wie ihr isoliertes Äquivalent, sondern dass bereits bei viel niedrigeren Dosen ein therapeutischer Effekt eintrat. Es scheint, als sei dafür zum Großteil der Entourage-Effekt verantwortlich. 

Entourage-Effekt

Der Entourage-Effekt beginnt mit dem ECS

Es erscheint richtig und logisch, dass der Ursprung des Entourage-Effekts im Endocannabinoid-System (ECS) – unserem körpereigenen System, das Cannabinoide verarbeitet, erzeugt und abbaut – liegt. Der israelische Wissenschaftler Shimon Ben-Shabat, beobachtete, wie einige eng verwandte Stoffwechselprodukte die Aktivität der primären Endocannabinoide erhöhte. Er prägte auch den Begriff „Entourage-Effekt“.

Es war jedoch Dr. Ethan Russo, ein Neurologe und Psychopharmakologe, der den Begriff auf Cannabis erweiterte. In seinem Artikel „Taming THC: Potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects“ stellte er die These auf, dass zwischen den weniger gut untersuchten, aber potentiell biologisch aktiven Inhaltsstoffen in der Cannabispflanze Synergieeffekte vorliegen könnten – ähnlich wie im Endocannabinoid-System. 

Grundsätzlich können wir uns den Entourage-Effekt als eine Art Team bei einer Theaterproduktion betrachten. THC und CBD sind die Protagonisten, während der Rest der Cannabinoide, Terpene und andere die Nebenrollen spielen. Natürlich stehen die Hauptdarsteller im Rampenlicht, aber ohne den Rest des Teams, Kostümbildner, Visagisten und andere gäbe es überhaupt keinen Auftritt.

Diese Theorie geht über den bisherigen wissenschaftlichen Konsens hinaus. Dieser besagt, dass die Kombination von THC und CBD hervorragende therapeutische Effekte erzielt, während sie gleichzeitig ein größeres therapeutisches Fenster für das oft schlecht verträgliche THC ermöglicht.

Die Belege

Während das Konzept des Entourage-Effekts zu erklären scheint, was KonsumentInnen von medizinischem Cannabis täglich in der Praxis erleben, beginnen die ForscherInnen erst jetzt, konkrete Belege für das Phänomen zu finden. 

Erst im vergangenen Jahr machte die spanische Wissenschaftlerin Cristina Sanchez und ihr Team einige interessante Entdeckungen, als sie die Wirkung von isoliertem THC und einem Vollpflanzen-Cannabisextrakt (mit der gleichen Menge THC) auf Brustkrebszellen verglich. 

Sie bemerkte, dass das Vollpflanzen-Cannabisextrakt bei allen drei untersuchten Brustkrebsarten eine bessere antitumorale Wirkung als isoliertes THC zeigte. Um herauszufinden, inwiefern hier auch Terpene mitwirken, gab sie einen „Cocktail“ zum isolierten THC. Dieser war identisch mit den Terpenen im Vollpflanzenextrakt. Interessanterweise hat dies die antitumorale Wirkung nicht verändert. Stattdessen stellte sie die These auf, dass alle Änderungen auf die niedrigen Konzentrationen von CBG und THCA zurückzuführen seien.

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