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Okt 10, 2019 4 min lesen

Cannabis-Dosierung: aus der Sicht eines Neurologen

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von Roni Sharon, MD
cannabis dosing

Eine der interessantesten Veränderungen in der medizinischen Gemeinschaft in den letzten Jahren war die zunehmende Akzeptanz von Cannabis als potenzielle medizinische Therapie für viele PatientInnen. Mediziner sind manchmal gern zögerlich in Hinblick auf Veränderungen, aber mit Cannabis hat sich diese Veränderung relativ schnell vollzogen. Gleichzeitig haben Regierungen und Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt den Zugang zu medizinischem Cannabis erleichtert und die Indikationen, für die es zugelassen ist, erweitert.

Der Fortschritt lief nicht besonders organisiert ab. Vielmehr war es ein ziemlich chaotischer und fragmentierter Prozess ohne große Harmonisierung zwischen Staaten, Ländern und Behörden. In den USA zum Beispiel hat eine Mehrheit der Staaten Cannabis für medizinische Zwecke zugelassen, während es auf Bundesebene weiterhin als illegale Droge galt.

Da immer mehr Ärzte ihren Ansatz für Cannabis weiterentwickelt haben – von völliger Ablehnung über Neugier und Akzeptanz bis hin zu Aufnahme in ihre Therapien – stehen sie vor vielen Fragen, auf die es keine klaren Antworten gibt und einige dieser Fragen sind grundlegend. Auf praktischer Ebene wünschen sich die Ärzte einen Konsens darüber haben, wann Cannabis verabreicht werden soll, wie es verabreicht werden soll, wie viel und worauf zu achten ist.

Eine der einfachsten und wichtigsten Fragen, die Ärzte hierbei stellen, ist die richtige Dosierung von medizinischem Cannabis für ihre PatientInnen. 

Bei anderen Medikamenten ist die Antwort oft einfach. Es gibt klinische Studien, das Medikament wird von einer großen Behörde wie der FDA zugelassen und es werden spezifische Empfehlungen ausgesprochen. Bei Cannabis gibt es keinen solchen Prozess.  

Cannabis unterscheidet sich von anderen Medikamenten

Die erste Herausforderung ergibt sich aus der Natur der Cannabispflanze. 

Während es für Pharmaunternehmen nicht ungewöhnlich ist, Medikamente auf der Basis von Substanzen zu entwickeln, die in der Natur vorkommen, isolieren sie normalerweise das aktive Molekül. Dies ermöglicht es, auf ein bestimmtes Gen oder Protein abzuzielen, um ein vorhersehbares und messbares Ergebnis zu erzielen.

Cannabis hingegen unterscheidet sich von den meisten herkömmlichen Arzneimitteln, da es gleichzeitig verschiedene Körperteile und Systeme betrifft. Besteht aus 144 Cannabinoide und das sind noch nicht alle, dazu kommen andere organische Verbindungen wie  Terpene und Flavonoide. Cannabis aktiviert also eine Vielzahl von biologischen Mechanismen im Körper.

Das kann ein Vorteil sein, weil  medizinisches Cannabis ist  oft  eine ganzheitlichere Option darstellt als die meisten anderen Medikamente. Es kann jedoch auch dazu führen, dass die Auswirkungen von Cannabis schwieriger zu messen, vorherzusagen und konsistent zu reproduzieren sind.

Mangel an Forschung zu medizinischem Cannabis

Die zweite Herausforderung ergibt sich aus dem Mangel an Forschung zu medizinischem Cannabis. In internationalen Übereinkommen wird Cannabis seit fast 70 Jahren als Medikament der Liste 1 eingestuft, das somit Heroin in nichts nachsteht. Diese Einstufung hat die klinische medizinische Forschung aus rechtlichen und bürokratischen Gründen erheblich eingeschränkt.  

Infolgedessen haben nicht nur sehr wenige Arzneimittel auf Cannabinoid-Basis die Zulassung von Aufsichtsbehörden wie der FDA erhalten, sondern aufgrund fehlender Unterlagen und Richtlinien befinden sich PatientInnen und Ärzte gleichermaßen im Dunkeln. Aus dem gleichen Grund besteht auch in der medizinischen Gemeinschaft kein Konsens darüber, wie Cannabis zu dosieren ist.

Cannabis erfordert einen individuellen Ansatz

Die dritte Herausforderung, auch aufgrund der einzigartigen Natur und der Vielzahl der Wirkstoffe der Cannabispflanze, besteht darin, dass unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise auf die Wirkstoffe reagieren. Der behandelnde Arzt muss immer im Auge haben, wie die Medikamente bei seinen PatientInnen wirken, aber erfordert Cannabis einen sehr individuellen Ansatz. 

Zusätzlich zur Optimierung der richtigen Dosis für seine PatientInnen stehen Ärzte, die ein Rezept ausstellen, vor der Herkulesaufgabe, den richtige Pflanzenart, die richtige Verabreichungsmethode und das CBD und THC-Verhältnis optimal auszuloten. Dabei gibt es leider auch keinen Konsens über einen dieser anderen wichtigen Faktoren.

Wir verfügen jedoch über bewährte Strategien zur Risikominimierung und zur sicheren Empfehlung von Marihuana für Patienten mit zugelassenen Indikationen. 

Mein Cannabis-Dosierungsansatz

Der gängigste Ansatz, den ich auch in meiner eigenen Praxis verwende, ist „langsam aber sicher“. Den PatientInnen wird empfohlen, zunächst eine kleine Menge medizinisches Cannabis einzunehmen und langsam und verantwortungsbewusst zu titrieren. 

D.h. in der Anwendung: Öltinkturen mit einem Tropfen, beim Verdampfer, eine Inhalation. Mit Pillen und Kapseln die niedrigste verfügbare Dosis. Es kann zwar länger dauern bis Linderung und Wirksamkeit erreicht sind, aber ich reduziere zumindest das Risiko von Problemen mit unerwünschten Nebenwirkungen und Unverträglichkeit. 

Wie jede andere Therapie, die ich empfehle, warne ich selbstverständlich auch alle meine PatientInnen vor den möglichen Nebenwirkungen und Risiken der Einnahme von Cannabis. 

Wie bei jeder medizinischen Behandlung, die die Lebensqualität verbessern soll, ist es entscheidend, das Gleichgewicht zwischen Wirksamkeit und Nebenwirkungen zu finden. Wie viel Cannabis erzielt die gewünschte schmerzstillende Wirkung ohne zu viele Nebenwirkungen? Wiederum ist der beste Weg, um dieses Gleichgewicht zu finden, niedrig einzusteigen und langsam zu steigern. Kurzfristig kann es für Patienten oft ein frustrierender Prozess sein, weil sie sofortige Linderung suchen, aber es ist das beste System, das wir derzeit haben, um das richtige Gleichgewicht zu finden.

Dies unterscheidet sich nicht von vielen anderen Medikamenten, die ich verschreibe. Ärzte verwenden die gleiche Logik, um die richtige Dosierung von Antidepressiva, Schmerzmitteln und praktisch allen anderen Medikamenten der Lebensqualität zu finden.

Neue Technologien am Horizont

Zwar verfügen Ärzte über die Mittel, um die hier beschriebenen Herausforderungen zu bewältigen, doch könnten technologische und pharmakologische Entwicklungen dazu führen, dass viele davon in den kommenden Jahren überholt sind.

Neue Technologien wie fortschrittliche medizinische Vaporizer, die Dosierungen präziser messen und abgeben können, sowie neue Zusammensetzungen von Konzentraten und Tinkturen werden schließlich die Mikrodosierung ermöglichen. Einige Technologien sind bereits im Handel erhältlich, wodurch die Dosierung von Cannabis für PatientInnen sicherer, einfacher und standardisierter wird. Auf diese Weise können wir künftig auch unsere Forschungsinstrumente verbessern und Studien vorhersehbarer und reproduzierbarer machen. Infolgedessen werden in naher Zukunft viele Fragen beantwortet werden. 

Des Weiteren werden pharmazeutische Produkte, die bestimmte Wirkstoffe von medizinischem Cannabis isolieren können, weiterentwickelt und so in der Lage sein, viele der Herausforderungen zu lösen, die Cannabis für Ärzte und PatientInnen mit sich bringt. Von Labors entwickelte und vorbereitete isolierte Stoffe werden die Dosierung von Cannabis Medikamenten erheblich vereinfachen, und eine Homogenisierung der Produktionsprozesse wird vielleicht schon bald eine wirklich präzise und konsistente Dosierung ermöglichen.

Zu den neuen Technologien gehört auch die gezielte Dosierung von Cannabis als ganze Pflanze, das einen zusätzlichen Vorteil mit sich bringt, nämlich die einzigartigen Vorteile von Breit- oder Vollspektrum-Cannabisprodukten, die so erhalten bleiben. Während die Cannabispflanze weitere Stoffe enthält, die WissenschaftlerInnen und Ärzte erst weiter erforschen müssen, wissen wir eines: Behandlungen, bei denen die gesamte Pflanze oder die meisten davon verwendet werden, haben andere und manchmal bessere Ergebnisse als isolierte Verbindungen – so etwas als Entourage-Effekt bekannt. D.h., dass viele Patienten mit einer Vielzahl von Erkrankungen, selbst wenn neue pharmazeutische Cannabisprodukte verfügbar werden, weiterhin von medizinischem Cannabis sei es nun in Voll- oder Breitspektrum  profitieren können.

Die Datenlage, die Ärzten heute zur Verfügung stehen, um medizinisches Cannabis zu dosieren, stecken noch in den Kinderschuhen. Bei einer komplexen Therapie wie Cannabis bleibt die Herausforderung groß. Aber auch hier ist die Notwendigkeit die Mutter der Erfindung, und Forschung und neue Technologien machen enorme Fortschritte auf diesem Gebiet. Wir bleiben dran.

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