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Home Krankheiten Colitis Ulcerosa
Sep 22, 2019 10 min lesen

Kann Cannabis bei Colitis ulcerosa helfen?

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von Christine M. Dantz
Medizinisch überprüft von Roni Sharon, MD

Überblick

In den letzten zehn Jahren hat das Interesse am Potenzial der mehr als 500 Inhaltsstoffe der Cannabis-Pflanze zur Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED), zu denen auch Colitis ulcerosa und Morbus Crohn gehören, zu einer Ausweitung der medizinischen Forschung in diesem Bereich geführt. Zwar sind derzeitige CED-Behandlungsmöglichkeiten schon fortschrittlich und können die Krankheitsaktivität kontrollieren; dennoch leiden viele Betroffene weiterhin an den Symptomen ihrer Erkrankung. Hier erhofft man sich, mit Cannabis die Lebensqualität von Menschen mit Colitis ulcerosa zu verbessern.

Das Potenzial von Cannabis als sichere und wirksame Therapie für Patienten mit Colitis ulcerosa ist vielversprechend. Eine Reihe von kleinen, randomisierten, Blind- und Doppelblindstudien bringt Cannabis als alternative Medizin immer mehr ins Bewusstsein; als Ersatz oder Ergänzung bei medizinischen Verfahren und/oder anderen Rezepten. Für die breite Zulassung der medizinischen Cannabis-Behandlung bei Colitis ulcerosa sind umfangreichere und langfristige klinische Studien erforderlich.  

Das Endocannabinoid-System

Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein komplexes System in allen Wirbeltieren, das die Homöostase (Gleichgewicht) im gesamten Körper aufrechterhält. Die Forschung zur Identifizierung und Untersuchung des wichtigsten neuromodulatorischen Systems besteht seit über 25 Jahren. Das ECS besteht aus Cannabinoid-Rezeptoren, Endocannabinoiden und den Enzymen, die die Endocannabinoide abbauen.

Die Endocannabinoide sind hauptsächlich die Moleküle namens Anandamid (AEA) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG). Sie werden auch als endogene Cannabinoide bezeichnet, da sie im Körper produziert werden, und zwar dann sobald ein System ein Defizit hat. Das ECS regelt die Signalwege zwischen den Cannabinoid-Rezeptoren und den Endocannabinoiden.

Die beiden am häufigsten vorkommenden Cannabinoid-Rezeptoren sind CB1 und CB2. Sie sind überall im Körper vorhanden, doch CB1-Rezeptoren konzentrieren sich entlang des zentralen Nervensystems und die CB2-Rezeptoren befinden sich hauptsächlich im Immunsystem. Endocannabinoide binden an diese Rezeptoren, um Signale an das ECS zu senden. Nachdem die Verbindung der CB1 und CB2 mit dem ECS hergestellt wurde, bauen die Enzyme die endogenen Cannabinoide ab. Die beiden Hauptenzyme sind Fettsäureamid-Hydrolase (FAAH) und Monoacylglycerol-Lipase (MAGL). 

Das ECS interagiert auch mit Phytocannabinoiden. Das sind pflanzliche Cannabinoide, die denen im Körper ähneln und beispielsweise in Cannabis vorkommen. Wissenschaftler haben mindestens 144 Cannabinoide in der Cannabis-Pflanze identifiziert. Am meisten erforscht sind bislang die Cannabinoide Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), und in vielen Studien zur Wirkung von Cannabis bei Colitis ulcerosa geht es um diese Stoffe.

Viele Cannabinoid-Rezeptoren befinden sich in Bereichen, die bei Colitis ulcerosa betroffen sind, wie der Magen-Darm-Trakt, das Gehirn, die Immunzellen und das enterische Nervensystem. Eine 2009 durchgeführte Studie an Mäusen mit Colitis ulcerosa ergab, dass, wenn die CB1- und/oder CB2-Rezeptoren Signale an das ECS im Dickdarm oder Rektum senden, die Entzündung, die zu den Symptomen einer Colitis ulcerosa führt, zurückgegangen ist.

Dutzende von Peer-Review-Forschungsarbeiten und Einzelberichte über Patienten zeigen, dass THC und CBD bei einer Vielzahl von Erkrankungen entzündungshemmend wirkt, darunter bei vielen Magen-Darm-Erkrankungen. Umfrageergebnisse bestätigen auch, dass Cannabis die Symptome wie Magenschmerzen, Übelkeit und Durchfall lindern kann. Neben THC und CBD haben auch viele der weniger bekannten Cannabinoide und Terpene der Pflanze entzündungshemmende Eigenschaften.

Cannabis & Colitis ulcerosa

Die Colitis ulcerosa kann zu schmerzhaften Entzündungen im Dickdarm und/oder Rektum führen. Mehrere klinische Studien aus den letzten Jahren belegen, dass Vollspektrum-Cannabispräparate und CBD-Isolate einhergehende Symptome reduzieren und die Lebensqualität der Patienten verbessern können. 

Eine Auswertung von Versuchen und klinischen Studien aus 51 Publikationen im Jahr 2018 beleuchtete die Wirkung von Cannabinoiden bei muriner Kolitis (Kolitis induziert bei Mäusen). Die meisten Studien verwendeten CBD und nicht THC oder andere Cannabinoide, wahrscheinlich da CBD aufgrund seiner nicht-psychoaktiven Natur legal und leichter zugänglich ist. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Menge der qualitativen Ergebnisse genügend Informationen liefere, die für weitere, groß angelegte klinische Studien sprechen.

  • Im Jahr 2017 veröffentlichte die Fachzeitschrift „Inflammatory Bowel Diseases“ einen Bericht über CB1 und CB2, Endocannabinoide und murine Colitis. Er stellte heraus, dass die Manipulation des ECS das Potenzial hatte, die Entzündung im Dickdarm und Rektum zu reduzieren. Diese Studie betrachtete ebenso die Darreichungsformen. Die rektale Verabreichung (Zäpfchen) zeigte die signifikantesten Ergebnisse; orale Methoden konnten die Entzündung nicht reduzieren.  Dies korreliert anatomisch mit der Krankheitsaktivität von Colitis ulcerosa, bei der die Entzündung am häufigsten im Rektum zu finden ist.
  • Ein Bericht aus dem Jahr 2018 derselben Fachzeitschrift veröffentlichte die Ergebnisse einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten, Parallelgruppen-Pilotstudie zur cannabidiolreichen Behandlung von Patienten über 18 Jahren mit linksseitiger oder extensiver Colitis ulcerosa. Der CBD-reiche Extrakt, GWP42003, enthielt 4% THC. Die Patienten in der Studie erzielten bis zum Ende der zehn Wochen positive Ergebnisse. Bei 59% der Teilnehmer zeigte sich eine Remissionsrate von 28%.  
  • Im Jahr 2018 überprüften Wissenschaftler zwei Studien an 92 erwachsenen Patienten mit aktiver Colitis ulcerosa. Die erste Studie umfasste 60 Teilnehmer, die Cannabisöl-Kapseln mit bis zu 4,7% THC konsumierten. Von diesen Teilnehmern erreichten 24% eine klinische Remission. Die zweite Studie fand über einen Zeitraum von acht Wochen statt, in der die Patienten zwei Cannabis-Zigaretten mit je einem halben Gramm Blüten rauchten. Diese Teilnehmer wiesen eine niedrigere Krankheitsaktivität auf. Die zweite Studie enthielt keine Remissionsraten.

Zusätzlich zu diesen Studien gibt es Patientenbefragungen, die anekdotische Ergebnisse liefern. Diese sind nicht wissenschaftlich fundiert, sondern beschreiben aktuelle Wirkweisen des Cannabis-Konsums bei Menschen mit Colitis ulcerosa. Eine Befragung unter Patienten in den USA ergab weniger Bauchschmerzen, einen Anstieg des Appetits und eine Verringerung von Übelkeit und Durchfall.

Nebenwirkungen

Die Verwendung von Cannabis als Arzneimittel gilt unter ärztlicher Aufsicht als sicher. Die häufigsten Nebenwirkungen sind im Vergleich zu denen anderer Medikamente leicht. Dazu gehören Benommenheit, Müdigkeit, Schwindel, Euphorie, Mundtrockenheit, Paranoia, Angst, erhöhter Appetit, verminderte Aufmerksamkeit, Kopfschmerzen und Übelkeit.

Die Begleiterscheinungen können je nach Dosierung und je nach eingesetztem Cannabinoid variieren. Zum Beispiel erzeugt ein CBD-Isolat, ein Öl-Extrakt bestehend aus einem einzelnen Cannabinoid, keine extremen Gefühle von Euphorie oder Paranoia, da CBD ein nicht-psychoaktiver Stoff ist.  

Bis heute sind keine Todesfälle bekannt, die direkt auf die Einnahme von Cannabis zurückzuführen sind.  

Bei Cannabinoid-Behandlungen können Arzneimittelwechselwirkungen auftreten. Studien zeigen, dass die Phytocannabinoide THC und CBD die Wirkung des blutgerinnungshemmenden Wirkstoffs Warfarin beeinträchtigen können. Die Cannabis-Inhaltsstoffe können auch bei bestimmten Brustkrebs-Chemotherapien und Antiepileptika stören. Wie bei jeder anderen Medizin, sollte auch vor der Anwendung von Medizinal-Cannabis eine Konsultation mit einem Arzt erfolgen.

Legale Verwendung

Zahlreiche Staaten und Länder haben Cannabis für die Behandlung von CED zugelassen. Viele andere erwähnen CED nicht ausdrücklich, listen aber chronische Schmerzen als Indikation auf, die Patienten als Folge von Colitis ulcerosa aufweisen können. Spezifische Gesetze unterscheiden sich von Staat zu Staat und von Land zu Land. 

Medizinal-Cannabis ist in Israel, Kanada, den Niederlanden, Italien, der Schweiz, Uruguay und Australien bei chronischen Schmerzen erlaubt und könnte daher zur Behandlung der Symptome einer Colitis ulcerosa verwendet werden. In vielen Fällen ist es zunächst erforderlich, dass sich die traditionelle Medikation als erfolglos erweist, bevor medizinisches Cannabis genehmigt werden kann.

Die US-Gesetze zur medizinischen Verwendung variieren je nach Bundesstaat. Gemäß Bundesrecht ist die Cannabis-Pflanze nach wie vor illegal. Allerdings haben die Staaten in den letzten 20 Jahren separate Gesetze erlassen, die die Verwendung bestimmter Cannabis-Stoffe und Cannabis-Produkte für eine Vielzahl von Krankheiten genehmigen. Jeder Staat hat unterschiedliche Bedingungen für die Berechtigung einer medizinischen Cannabis-Behandlung. Staaten, die Colitis ulcerosa als berechtigten Zustand auflisten, sind New York, Connecticut, Ohio und Michigan.  

In den folgenden Staaten sind Cannabis-Therapien für Patienten mit chronischen, lähmenden Krankheiten zulässig:

Darüber hinaus legalisierte die US Farm Bill 2018 CBD-Produkte auf Hanfbasis mit weniger als 0,3% THC für Patienten ab 18 Jahren.

Haftungsausschluss

Inhalte auf The Cannigma dienen nur zu Informationszwecken. Sie sind kein Ersatz für professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Vor Beginn einer Behandlung mit Cannabis sollten Sie sich immer von einem Arzt mit Erfahrung mit medizinischem Cannabis beraten lassen.

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