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Sep 22, 2019 11 min lesen

Kann Cannabis bei Depressionen helfen?

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von Emily Earlenbaugh, PhD.
Medizinisch überprüft von Roni Sharon, MD

Depressionen und das Endocannabinoid-System

Wissenschaftler haben festgestellt, dass das Endocannabinoid-System eine wichtige Rolle bei der Regulierung unserer Stimmung spielt. Das Endocannabinoid-System ist im gesamten menschlichen Körper und auch in anderen Säugetieren zu finden und hilft unserem Körper bei der Aufrechterhaltung seines inneren Gleichgewichts (Homöostase). 

Das Endocannabinoid-System besteht aus folgenden Komponenten: Natürliche chemische Botenstoffe namens Endocannabinoide, die vom menschlichen Körper selbst produziert werden. Diese binden dann an CB1- und CB2-Rezeptoren, um zahlreiche verschiedene Funktionen zu aktivieren und zu modulieren, wie zum Beispiel:

  • Schlaf
  • Schmerzen 
  • Entzündungen
  • Hunger
  • Antrieb
  • Muskelkontrolle
  • Stressreaktion
  • Gedächtnis 
  • Stimmung

Enzyme, die letzte Komponente in diesem wichtigen System, bauen dann die Endocannabinoide ab und entfernen sie aus dem Körper. 

Dieses interne System funktioniert bei gesunden Menschen und anderen Säugetieren völlig eigenständig, kann aber auch durch einige der in Cannabis enthaltenen aktiven Bestandteile – insbesondere Cannabinoide wie THC oder CBD – stimuliert werden. Diese Bestandteile ähneln in ihrer chemischen Struktur auffallend unseren natürlichen Endocannabinoiden. Wenn sie eingenommen werden, binden sich diese Bestandteile also auch an die CB1- und CB2-Rezeptoren, um die Wirkung des Endocannabinoid-Systems zu aktivieren. Aus diesem Grund hat Cannabis so zahlreiche medizinische Anwendungsmöglichkeiten. Es stimuliert ein natürliches System, das diese Effekte moduliert. 

Die Forschung deutet darauf hin, dass die Aktivierung dieser Endocannabinoid-Rezeptoren besonders bei Depressionen nützlich sein könnte. Wie sich herausgestellt hat, ist das Endocannabinoid-System an der Regulierung unserer Stimmung beteiligt und WissenschaftlerInnen glauben, dass insbesondere CB1-Rezeptoren bei Depressionen eine große Rolle spielen. Dafür gibt es gute Gründe: Zum einen gibt es CB1-Rezeptoren, die über alle Teile des Gehirns verteilt sind und mit Depressionen in Zusammenhang stehen. 

Darüber hinaus haben Tierversuche ergeben, dass bei Menschen mit Depressionen die Funktion ihres Endocannabinoid-Systems gestört ist. Studien an Nagetieren zeigten zum Beispiel, dass eine Blockierung der CB1-Rezeptoren zu verstärkten depressiven Symptomen führte. 

Ähnliche Ergebnisse wurden auch bei Menschen beobachtet. Rimonabant zum Beispiel kam in Europa als Appetitzügler auf den Markt. Es blockiert die Aktivität der CB1-Rezeptoren. Da diese Rezeptoren mit Hunger in Zusammenhang stehen, hofften die Wissenschaftler, dass sie den Appetit reduzieren können, indem sie diese Rezeptoren blockieren. Leider musste das Medikament vom Markt genommen werden, weil viele der damit behandelten PatientInnen Depressions- und Angstsymptome entwickelten. Das Blockieren der CB1-Rezeptoren scheint also sowohl bei Tieren als auch bei Menschen den gleichen stimmungsbeeinflussenden Effekt zu haben: Depressionen. 

Ausgehend davon haben die Forscher untersucht, ob die Stimulation der CB1-Rezeptoren antidepressiv wirkt. Eine Studie an Nagetieren ergab, dass niedrige Dosen einer CB1-aktivierenden Substanz die stimmungsaufhellende Wirkung und die Serotoninreaktion auf ähnliche Weise wie ein SSRI-Antidepressivum erhöhten. Die gleiche Studie ergab jedoch auch, dass höhere Dosen einen gegenteiligen Effekt haben. Laut den Autoren dieser Studie bestätigt dies die These, dass die CB1-Rezeptoren ein Ziel für die Entwicklung neuer Antidepressiva sein sollten und dass Cannabinoide aus Cannabis eine hilfreiche Behandlung sein könnten, da die CB1-Rezeptoren durch Cannabinoide stimuliert werden. 

Angesichts der komplexen, dosisabhängigen Beziehung zwischen CB1-Aktivierung und Depression ist jedoch viel mehr Forschung erforderlich, um die Theorie zu bestätigen, dass Cannabis bei Depressionen helfen kann.

Forschung zu Depressionen und Cannabis

Es gibt starke Hinweise darauf, dass Stimmung und Depressionen zumindest teilweise über das Endocannabinoid-System reguliert werden. Dennoch müssen wir uns die Forschungsergebnisse genauer ansehen, um zu ermitteln, wie sich Cannabis tatsächlich auf Depressionen auswirken könnten – sowohl kurz- als auch langfristig. 

Zunächst einmal ist klar, dass viele PatientInnen bereits heute Cannabis zur Behandlung ihrer Depressionen verwenden. Im Allgemeinen gaben diese Patienten an, dass Cannabis bei ihren depressiven Symptomen hilft. So ergab beispielsweise eine Umfrage in Großbritannien aus dem Jahr 2002 zum Cannabiskonsum, dass 22% der Menschen mit Depressionen Cannabis konsumierten. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2016 im US-Bundesstaat Washington mit ProbandInnen, die medizinisches Cannabis einnahmen, ergab, dass die Hälfte der Befragten Cannabis gegen ihre Depressionen einnahmen. Im Allgemeinen gaben diese ProbandInnen an, dass das Cannabis ihre Depressionssymptome bessert. 

Obwohl viele PatientInnen durch den Konsum von Cannabis eine Besserung ihrer Depressionen erleben, befindet sich die wissenschaftliche Forschung zu diesem Thema noch in einem sehr frühen Stadium und bisher ist die Faktenlage noch sehr dünn. Dennoch gibt es schon einige Studien, die die These, dass Cannabis Menschen mit Depressionen helfen kann, unterstützen. 

Eine Studie mit heterosexuellen Paaren ergab, dass diejenigen, die Cannabis konsumieren, dies eher am Morgen tun, wenn sie mit schlechter Laune in den Tag gestartet sind. Der Konsum von Cannabis verbesserte unmittelbar nach dem Konsum ihre Stimmung. Dies deutet darauf hin, dass die Verwendung von Cannabis für eine kurzfristige Stimmungsaufhellung sorgen kann. 

In einer anderen Studie, die sich speziell mit CBD beschäftigte, wurde die These aufgestellt, dass es ein besonders nützliches Mittel bei Depressionen sein könnte. In dieser Studie wurden die depressionslindernden Effekte von CBD bei Nagetieren untersucht und es kam heraus, dass eine Einzeldosis schnelle und anhaltende antidepressiv wirkende Effekte hervorrufen kann. 

Eine Rezension der Literatur zum Cannabiskonsum bei Depressionen im Jahr 2016 brachte ebenfalls positive Ergebnisse. Die Forscher fanden neun Studien zur Verwendung von Cannabis bei Depressionen und sieben dieser Studien zeigten dass der Cannabiskonsum zu einer Verbesserung der Depressionssymptome führte. Dennoch wurden diese Verbesserungen vor allem in Studien mit PatientInnen, die noch andere Erkrankungen hatten und die mit Depressionen einhergingen, beobachtet und nicht bei PatientInnen, die „nur“ Depressionen hatten. Es ist also unklar, ob die Verbesserungen der Depressionen mit Verbesserungen bei den anderen Krankheiten zusammenhängen oder ob sie die Depressionen direkt verbessern. 

In einer weiteren Studie wurden Daten aus einer App, die PatientInnen dabei helfen soll, die Auswirkungen ihrer Cannabisbehandlung zu verfolgen, untersucht. Anhand von Daten aus 3151 Sitzungen zum Cannabiskonsum und Depressionen fanden die Autoren heraus, dass CannabiskonsumentInnen eine 50%ige Verringerung ihrer Depressionssymptome beobachteten. Nur zwei Züge an einem Joint reichten aus, um Depressionen zu lindern und der Effekt war bei einem hohen CBD- und einem niedrigen THC-Gehalt sogar noch ausgeprägter. Diese wahrgenommenen Effekte haben sich bei kontinuierlicher Nutzung im Laufe der Zeit nicht verringert. 

Trotz dieser positiven Ergebnisse fanden die Forscher auch heraus, dass sich die Depressionssymptome bei längerem Cannabiskonsum verschlimmerten. Dieses Ergebnis wurde auch in anderen Studien beobachtet, bei denen der langfristige Konsum von Cannabis mit einer Verschlechterung der Depressionssymptome verbunden war. Darüber hinaus ergab eine klinische Studie, dass eine Reduzierung des Cannabiskonsums zu weniger Depressionssymptomen führen könnte. 

Aber nicht alle Studien zeigen diese Korrelation. Eine große schwedische Studie ergab, dass der Zusammenhang zwischen Cannabis und Depressionen verschwand, wenn Störfaktoren berücksichtigt wurden. Eine israelische Studie ergab ähnliche Ergebnisse und die Autoren berichteten, dass diese Assoziation eher auf soziodemographische und klinische Faktoren als auf den Cannabiskonsum selbst zurückzuführen sein könnte. 

Darüber hinaus deutet die Forschung darauf hin, dass der Konsum von Cannabis bei Depressionen besser abschneidet als Opioide. Wer sowohl Depressionen als auch chronische Schmerzen behandeln möchte, scheint mit Cannabis weniger Nebenwirkungen zu haben.

Cannabis gegen Depressionen

Angesichts der oben genannten Forschung besteht eine gute Chance, dass die Verwendung von Cannabinoiden zur Aktivierung des Endocannabinoid-Systems dazu beitragen kann, Depressionssymptome vorübergehend zu lindern. Vor allem Mittel mit einem hohen CBD-Gehalt können dabei hilfreich sein, aber sowohl THC als auch CBD scheinen eine kurzfristige Stimmungsaufhellung und Linderung von Depressionssymptomen zu bieten. Dennoch muss beachtet werden, dass diese Effekte laut Forschungsergebnissen dosisabhängig sind. Niedrige Dosen können die Depression verbessern, hohe Dosen können sie verschlimmern.

Darüber hinaus weisen einige Forschungsarbeiten auf die Möglichkeit hin, dass der langfristige Konsum von Cannabis zu einer Verschlechterung der Depressionssymptome führen kann. Allerdings traten diese Ergebnisse von Studie zu Studie inkonsistent auf und können auch mit anderen Faktoren in Zusammenhang stehen. Man kann derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen, dass Cannabiskonsum nicht zu einer Verschlechterung von Depressionssymptomen beiträgt. 

Wenn Sie jedoch andere Krankheiten haben, die Ihre Depressionen bedingen, kann Cannabis eine bessere Behandlungsoption als die herkömmlichen Mittel sein. Die Depressionen von PatientInnen mit chronischen Schmerzen lassen sich beispielsweise besser durch Cannabis lindern als durch Opiode. 

Wenn Sie Depressionen haben und sie mit Cannabis behandeln wollen, sollten Sie sich zuallererst an einen auf Cannabis spezialisierten Arzt wenden und mit ihm besprechen, ob dieses Mittel die richtige Option für Sie ist.

Bevor Sie mit dem Cannabiskonsum beginnen, sollten Sie auch prüfen, ob Cannabis in Ihrem Land zur Behandlung von Depressionen überhaupt zugelassen ist. Auch wenn Depressionen nur selten als Indikation für den Konsum von medizinischem Cannabis gelten, ist der Konsum in manchen Ländern dennoch erlaubt. 

Derzeit können PatientInnen in den folgenden Ländern Cannabis zur Behandlung von Depressionen (entweder zu Freizeitzwecken oder auf ärztliche Empfehlung hin) erwerben:

  • Österreich 
  • Brasilien
  • Kambodscha
  • Kanada
  • Chile
  • Kolumbien
  • Ecuador
  • Estland
  • Finnland
  • Deutschland
  • Griechenland
  • Guam
  • Mazedonien 
  • Niederlande
  • Norwegen
  • Paraguay
  • Peru
  • Spanien
  • Türkei
  • Uruguay

Außerdem können PatientInnen in den folgenden US-Bundesstaaten Cannabis zur Behandlung von Depressionen (entweder zu Freizeitzwecken oder auf ärztliche Empfehlung hin) erwerben:

  • Alaska
  • Kalifornien
  • Colorado
  • District of Columbia 
  • Maine
  • Massachusetts 
  • Maryland
  • Missouri 
  • Michigan
  • Nevada
  • Oklahoma
  • Oregon
  • Washington
  • Vermont
Haftungsausschluss

Inhalte auf The Cannigma dienen nur zu Informationszwecken. Sie sind kein Ersatz für professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Vor Beginn einer Behandlung mit Cannabis sollten Sie sich immer von einem Arzt mit Erfahrung mit medizinischem Cannabis beraten lassen.

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