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Sep 18, 2019 10 min lesen

Kann Cannabis bei chronischen Schmerzen helfen?

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von Gleb Oleinik
Medizinisch überprüft von Roni Sharon, MD

Überblick

Cannabis wird seit Tausenden Jahren verwendet, um Schmerzen zu lindern. Bis heute wird es gegen chronische Schmerzen eingesetzt, die von schwer zu behandelnden Erkrankungen, wie Fibromyalgie, Krebs und Multiple Sklerose verursacht werden.

Der häufigste Grund, warum Menschen zu medizinischem Cannabis greifen sind chronische Schmerzen. Laut einer Studie von 2018 litten 61% der PatientInnen aus Deutschland, die medizinisches Cannabis verwendeten, unter chronischen Schmerzen. 

Untersuchungen ergaben, dass die schmerzlindernde Wirkung von Cannabis auf das körpereigenen Endocannabinoiden zurückzuführen ist. 

Das Endocannabinoid System

Das Endocannabinoid-System besteht aus Cannabinoid Rezeptoren, Endocannabinoiden und Enzymen, die diese bilden und aufspalten. 

Dass dieses System eine entscheidende Rolle bei der Homöostase (Aufrechterhaltung des Gleichgewichts eines Systems) spielt, wurde in den 1990er Jahren herausgefunden. Es reguliert vielzählige Schlüsselfunktionen im Körper, wie die Stimmung, den Stoffwechsel, das Lernen und Erinnern, den Schlaf, das Immunsystem und den Schmerz. 

Das Endocannabinoid-System hat zwei Rezeptoren: CB1 und CB2. CB1 ist primär im zentralen Nervensystem zu finden, während CB2 hauptsächlich in Immunzellen vorhanden ist. Diese Rezeptoren werden von Endocannabinoiden aktiviert, die der menschliche Körper herstellen kann: Anandamide und 2-AG. 

Phytocannabinoide der Cannabispflanze, wie THC und CBD wirken ebenfalls auf das Cannabinoid-System und haben dieselbe Wirkung wie Endocannabinoide. 

Das Endocannabinoid-System und chronische Schmerzen

Bei der Schmerzlinderung spielt das Endocannabinoid-System eine zentrale Rolle. Das gilt für beide vorrangigen Arten des Schmerzes: Nozizeptorenschmerz (durch äußerlichen Schaden verursacht, wie eine Verbrennung) und Nervenschmerz (verursacht durch Verletzungen an den Nerven, die folglich Schmerzsignale weiterleiten).

Studien zeigen, dass CB1 und CB2 Rezeptoren in fast alles Bereichen der Schmerzweiterleitung und –Verarbeitung beteiligt sind. Eine Kettenreaktion, die uns Schmerz fühlen lässt. 

Genauer gesagt befinden sich CB1 Rezeptoren in vielen Bereichen des peripheren und zentralen Nervensystems, die für die Schmerzverarbeitung zuständig sind. Zum Beispiel befindet sich dieser Rezeptor: 

  • in nozizeptiven Nerven, die Schmerzen wahrnehmen, die durch potenziell schädliche Reize verursacht werden
  • im Rückenmark, dass die Schmerzsignale reduziert oder verstärkt, die zum Gehirn weitergeleitet werden
  • in Teilen des Gehirns, die mit Nozizeptoren verbunden sind, wie zum Beispiel Cortex und Amygdala
  • in der frontalen-limbischen Gehirnregion, die eine Rolle bei der psychologischen und emotionalen Schmerzverarbeitung spielt

Die Wichtigkeit, die dieser Rezeptor bei der Regulation und Reduzierung darstellt, wurde in einer Studie von 2007 behandelt. Wissenschaftler entfernten den CB1 Rezeptor aus den schmerzübertragenden Neuronen von Mäusen (auch bekannt als “CB1 Knockout“). Dies führte zu einer Reduzierung der cannabinoidbedingten Analgesie (Schmerzlinderung) bei Entzündungen und neuropathischen Schmerzen. 

Bislang schien es, als würde der CB2 Rezeptor die größere Rolle bezüglich des Entzündungsschmerzes spielen. Das ist schlüssig, da eine Entzündung ein Prozess ist, der von Immunzellen kontrolliert wird. In diesen Zellen sind hauptsächlich CB2 Rezeptoren zu finden. 

Das zeigte eine Studie von 1999, als Mäusen mit Entzündungen an den Extremitäten ein Mittel gegeben wurde, dass CB2 Rezeptoren aktiviert und so Entzündungen und den damit verbundenen Schmerz lindert. Andere Studien belegen, dass CB2 Rezeptoren auch in anderen Körperregionen zu finden sind, beispielsweise in sensorischen Neuronen, die an der Weiterleitung neuropathischer Schmerzen beteiligt sind.  

Anandamide und 2-AG ist bekannt, für den schmerzlindernden Effekt zu sorgen. Forschungen demonstrieren, dass chronische Schmerzen mit einem erhöhten Vorkommen beider Cannabinoid Rezeptoren und Endocannabinoide verbunden sind. Das suggeriert, dass der Körper versucht Schmerzen zu kontrollieren, indem er das Endocannabinoid-System verstärkt. 

Zusammenfassend ist zu sagen, dass das Endocannabinoid-System eine zentrale Rolle in der Schmerzregulation spielt. Forscher gehen davon aus, dass, “cannabisbasierte Medikamente, die die Funktion von Endocannabinoiden erhöhen, eine neue therapeutische Lösung darstellen, um Beschwerden zu behandeln, die mit chronischen Schmerzen verbunden sind.”

Cannabis & Chronische Schmerzen

Chronische Schmerzen stellen eine große Belastung für betroffene Menschen dar. Während Cannabis bei einer ganzen Reihe von medizinischen Beschwerden zum Einsatz kommt, ist Schmerz das geläufigste und meist erforschte Leiden, bei dem Cannabis zu therapeutischen Zwecken eingesetzt wird. Auch wenn Studien über Cannabis aus rechtlichen Gründen sehr limitiert sind, sind Schmerzen besser erforscht als die meisten anderen Beschwerden. Unten aufgeführt sind einige der aussagekräftigsten und qualitativsten Studien bezüglich chronischer Schmerzen in Verbindung zu Krebs, Neuropathie, Multiple Sklerose, Arthritis, Fibromyalgie und Migräne.

Eine oft zitierte Studie aus dem Jahr 2008 untersuchte die Effekte von Cannabis auf neuropathische Schmerzen. Insgesamt rauchten 38 PatientInnen entweder hochpotentes oder weniger potentes Cannabis oder ein Placebo ohne Wirkung. Im Gegensatz zum Placebo-Präparat resultierten beide Cannabis-Präparate in signifikanter Schmerzlinderung.

Zusätzlich untersuchte eine Studie 2012, ob Cannabis bei Spasmen, wie etwa durch Multiple Sklerose, hilft. 38 Probanden rauchten entweder Cannabis (4% THC) oder ein Placebo. Nur die Gruppe, die echtes Cannabis rauchte, verspürte eine Verbesserung ihres Zustandes.

2006 führten britische Wissenschaftler eine Studie über die Effekte von Sativex – einem cannabisbasierten Medikament – durch, die dessen Auswirkungen auf Schmerzen in Verbindung mit rheumatoider Arthritis untersuchte. Insgesamt wurde 58 Probanden entweder Sativex oder ein Placebo verabreicht. Die Sativex-Gruppe berichtete von deutlicher Schmerzlinderung. 

Des Weiteren analysierte eine Studie aus dem Jahr 2010 die Effektivität eines Cannabis-Extrakts, das entweder nur THC oder THC und CBD enthielt, an KrebsPatientInnen mit fortgeschrittenen Schmerzen, die durch Opium-Medikation nicht verbessert werden konnten. Insgesamt wurde 177 PatientInnen entweder THC-Extrakt, THC/CBD-Extrakt oder ein Placebo verabreicht. Nur das THC/CBD-Extrakt führte zu einer signifikanten Schmerzlinderung. 43% der PatientInnen, denen das THC/CBD-Extrakt verabreicht wurde, gaben an, dass sich ihre Schmerzen um 30% oder mehr verbessert haben. Eine bemerkenswerte Erkenntnis dieser Studie ist, dass die Verbindung mehrerer Cannabinoide effektiver ist, als Präparate, die nur CBD oder THC enthalten. 

Es liegen ebenfalls Beweise vor, dass Cannabis gegen Fibromyalgie-Schmerzen Wirkung zeigt. Im Rahmen einer oft zitierten Studie aus dem Jahr 2008 wurde PatientInnen Nabilone – ein THC-basiertes Medikament – oder ein Placebo verabreicht. Die Gruppe, denen das THC-haltige Präparat verabreicht wurde, verspürte eine signifikante Verbesserung ihrer Schmerzen und Lebensqualität. 

Eine weitere Studie aus 2016 untersuchte die Wirkung von medizinischem Cannabis bei 274 Probanden mit behandlungsresistenten chronischen Schmerzen. Cannabis reduzierte nicht nur die Schmerzen, sondern auch den Bedarf von Opium-Medikamenten. Diese Studie beweist, dass Cannabis potentiell eine Alternative zu Opium darstellt, dessen Überbeanspruchung bei vielen PatientInnen in Europa und den USA verheerende Folgen hatte.

Zusätzlich untersuchte eine Studie 2016 die Effektivität von medizinischem Cannabis bei 121 Probanden mit Migräne – einer weiteren Form chronischer Schmerzen. Insgesamt berichteten 85.1% der Probanden, dass sie weniger Migräne-Anfälle pro Monat hatten (von durchschnittlich 10,4 Mal zu 4,6 Mal pro Monat).

Während diese Studien die Schmerzlinderung bei spezifischen chronischen Schmerzen thematisieren, sind andere Studien noch aussagekräftiger, da diese alle Beweise bezüglich der Wirkung von medizinischem Cannabis zusammenfassen und einen guten Überblick über den wissenschaftlichen Konsens in diesem Thema schaffen. 

Einer dieser systematischen Überblicke behandelte 28 klinische Studien über die Verwendung von Cannabinoiden bei PatientInnen mit chronischen Schmerzen, einschließlich Schmerzen durch Krebs, Neuropathie, Fibromyalgie, Multiple Sklerose und rheumatoider Arthritis. Die Studie fasste zusammen: „Es existierst profunder Beweis, dass Cannabinoide effektiv in der Behandlung chronischer Schmerzen sind.“ 

Nebenwirkungen

Auch wenn medizinisches Cannabis eine hocheffektive Option im Kampf gegen chronische Schmerzen ist – insbesondere, wenn herkömmliche Medikamente keine Wirkung zeigen – gibt es auch unerwünschte Wirkungen.  

Bekannt ist, dass Cannabis psychoaktive Effekte hat, zu denen die Beeinträchtigung des Gedächtnisses, Angstzustände und Euphorie zählen. Bei manchen Personen kann Cannabis auch Psychosen auslösen. Wichtig ist, dass diese Effekte auf den Wirkstoff THC zurückzuführen sind, was bedeutet, dass CBD-reiche Produkte wie CBD-Öl nicht berauschend wirken und genannte Nebenwirkungen hier nicht zutreffen. 

Zusätzlich können cannabisbasierte Produkte Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, trockenen Mund und starken Appetit mit sich bringen. Zusammenfassend sind die genannten Nebenwirkungen eher gering, was Cannabis zu einer bemerkenswert sicheren Substanz macht, insbesondere verglichen mit pharmazeutischen Medikamenten.

Beispielsweise sind Opiate, die oft gegen chronische Schmerzen eingesetzt werden, bekannt für das hohe Suchtpotential und starke Entzugserscheinungen. 

Falls Sie überlegen Cannabis oder andere Medikamente gegen chronische Schmerzen einzusetzen, sollten Sie vorher einen Arzt oder eine Ärtzin kontaktieren und sich beraten lassen. 

Legaler Konsum

Überzeugende Forschungsberichte über die Vorzüge der Behandlung von chronischen Schmerzen mit Cannabis resultierten darin, dass einige Länder den Gebrauch von Cannabis für Menschen mit chronischen Schmerzen legalisierten. Zu diesen Ländern gehören unter anderem Deutschland, Kanada und Niederlande. Auch in Amerika ist medizinisches Cannabis für PatientInnen mit chronischen Schmerzen in 29 Staaten erhältlich.

Ein Beispiel für den weniger liberalen Umgang mit Cannabis stellt Großbritannien dar. Hier ist das Programm für medizinisches Cannabis stark limitiert und erlaubt nur das cannabisbasierte Präparat Sativex, das gegen Spasmen bei MS-PatientInnen eingesetzt wird.  

Zusammenfassung

Cannabis wird schon seit Jahrtausenden gegen chronische Schmerzen verwendet. Heute wissen wir dank moderner Studien, dass die schmerzhemmende Wirkung von Cannabis auf das Endocannabinoid-System zurückzuführen ist. 

Wichtiger ist, dass heute klinische Beweise vorliegen, dass Cannabis bei alle Arten von chronischen Schmerzen hilft, wie zum Beispiel Krebs, Neuropathie, Fibromyalgie, Multiple Sklerose, Arthritis und Migräne.

Bei vielen dieser Krankheiten zeigen herkömmliche Medikamente wenig bis keine Wirkung, während sie verheerende Nebenwirkungen mit sich bringen. Cannabis hat weitaus schwächere Nebenwirkungen, als die meisten verschreibungspflichtigen Medikamente. So stellt sich nicht die Frage, ob Cannabis gegen chronische Schmerzen hilft oder nicht, sondern wie wir es noch effektiver machen können.

Haftungsausschluss

Inhalte auf The Cannigma dienen nur zu Informationszwecken. Sie sind kein Ersatz für professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Vor Beginn einer Behandlung mit Cannabis sollten Sie sich immer von einem Arzt mit Erfahrung mit medizinischem Cannabis beraten lassen.

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