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Cannabis auf Rezept: Was Patienten in der Schweiz wissen sollten

Die Schweiz hat viele Vorreiterrollen. Der gemütliche, kleine Alpenstaat gehört zu den modernsten und reichsten Ländern der Welt. Schweizer Bürger haben mehr Nobelpreise gewonnen und mehr Patente pro Kopf angemeldet als die meisten anderen Nationen. Die Schweiz ist nicht nur neutral, sie ist auch innovativ: Die NZZ sieht die Schweiz als Pionier der Block-Chain-Technologie. Eine gross angelegte amerikanische Studie kam sogar zum Schluss, dass die Schweiz „das beste Land der Welt“ ist . In Sachen Cannabis hängt die Schweiz freilich hinterher. Laut Schätzungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) konsumieren in der Schweiz über 200.000 Personen regelmässig Cannabis – davon 70.000 bis 100.000 zu therapeutischen Zwecken. Von diesen haben aber nur wenige Tausend eine Ausnahmebewilligung vom BAG – die Zahlen haben allerdings in den letzten Jahren deutlich zugenommen (Tabelle: Cannabis für medizinische Zwecke: steigende Tendenz, BAG, unten). Doch ist eine Genehmigung vorhanden, scheitert der Bezug der Medikamente nicht selten an den Kosten. Weil die Krankenkasse nicht zahlt und weil der Patient nicht zahlen kann.

Cannabis für medizinische Zwecke

Was in der Schweiz erlaubt ist und was nicht

In verschiedenen Ländern sind in den letzten Jahren Legalisierungsschritte in Sachen Cannabis unternommen worden. Die Schweiz zählt nicht dazu. Der Weg des schwerkranken Patienten zu seinem Medikament ist bislang gesäumt von zahlreichen bürokratischen Hindernissen, Kostenübernahmen der Kassen erfolgen nur in Ausnahmefällen. Die Folge: Viele besorgen sich in ihrer Not Cannabis auf dem Schwarzmarkt – dort liegen die Preise um ein x-Faches niedriger als in der Apotheke. Cannabis gilt in der Schweiz noch immer als verbotenes Betäubungsmittel (Faktenblatt Cannabisarzneimittel, BAG). Es darf grundsätzlich weder angebaut, hergestellt, eingeführt noch abgegeben werden.

Das 2011 in Teilen novellierte Betäubungsmittelgesetz (BetmG) erlaubt jedoch unter bestimmten Umständen, dass Cannabis zu medizinischen Zwecken verschrieben wird. Dafür ist eine Ausnahmebewilligung des BAG erforderlich. Von Cannabis-Arzneimitteln im Sinne des Gesetzes zu unterscheiden sind allerdings cannabishaltige Zubereitungen, die einen Gesamt-THC-Gehalt (THC: Abkürzung für Tetrahydrocannabinol) von weniger als 1 Prozent aufweisen (in der Europäischen Union liegt der Grenzwert bei 0,2 Prozent), und Zubereitungen, die vorwiegend Cannabidiol (CBD) enthalten. Diese Zubereitungen fallen nicht unter das Betäubungsmittelrecht und sind deshalb nicht verboten. Sie sind aber verschreibungspflichtig: Nichts geht also ohne ärztliches Rezept.

Fertigarzneimittel dürfen in der Schweiz nur verkauft werden, wenn sie von Swissmedic, der Schweizerischen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte, zugelassen sind. Aktuell ist „Sativex“ das einzige cannabisbasierte Arzneimittel, das über eine solche heilmittelrechtliche Zulassung verfügt. Es kann ohne Ausnahmebewilligung des BAG von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden, jedoch nur bei Spastik im Zusammenhang mit Multipler Sklerose. Wenn das Präparat für eine andere Indikation verschrieben wird (Off-Label-Anwendung), bedarf es freilich einer Ausnahmebewilligung des BAG.

Liberalisierung in Aussicht

Bürokratische Hürden erschweren Schwerkranken bislang die Versorgung mit cannabisbasierter Medizin. Gleichzeitig floriert der Schwarzmarkt – mit allen damit verbundenen Nachteilen (Grafik Cannabis in der Schweiz, Sucht Schweiz, Manfred Fankhauser, Claude Vaney, unten). Die illegale Beschaffung birgt grosse Nachteile. Die gehandelten Substanzen lassen sich anders als Medizinal-Cannabis aus der Apotheke nicht annähernd exakt dosieren. Es wird oft mehr davon konsumiert, als nötig, und die Risiken inklusive Suchtgefahr steigen. Zudem ist Cannabis vom Schwarzmarkt oft verunreinigt. Qualitätskontrollen fehlen. Und schliesslich riskieren Patienten Strafverfolgungen und Bussgelder durch die Behörden.

All diese Umstände belasten auch den Schweizer Staat mit hohen Kosten im Gesundheits- und Sozialbereich, von den Repressionskosten der Strafverfolgungsbehörden ganz zu schweigen. Deshalb will der Schweizer Bundesrat den Zugang zu Therapien mit Medizinal-Cannabis künftig erleichtern. Am 26. Juni 2019 hat er einen Änderungsentwurf des Betäubungsmittelgesetzes (BetmG) in die Vernehmlassung geschickt. Mit der Revision des Betäubungsmittelgesetzes möchte der Bundesrat das medizinische Potenzial von Cannabis besser nutzen und Patienten mit möglichst geringem Aufwand den Zugang zu medizinischem Cannabis ermöglichen. Die Vernehmlassung dauert bis zum 17. Oktober 2019. Der Entwurf sieht vor, dass sich Patientinnen und Patienten ihre Therapie direkt ärztlich verschreiben lassen können, ohne beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Ausnahmebewilligung einholen zu müssen. Nichts ändert sich hingegen beim nicht-medizinischen Cannabis – er bleibt verboten.

Grafik Cannabis in der Schweiz

Grafik Cannabis in der Schweiz

Keine Regelleistung der Krankenkassen

Cannabis-Präparate können von jedem Arzt verschrieben werden. Sie müssen aber von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) nicht bezahlt werden, weil es sich um sogenannte Magistralrezepturen (Heilmittelgesetz Art. 9) handelt, die nicht in der Spezialitätenliste (SL) aufgeführt sind. Dies gilt selbst für das Fertigarzneimittel „Sativex“, wenn es für die zugelassene Indikation schwere Spastik bei Multipler Sklerose eingesetzt wird (Faktenblatt Cannabisarzneimittel, BAG). Auch Zusatzversicherungen müssen die Medikamentenkosten nicht übernehmen. Eine Vergütung erfolgt nur ausnahmsweise in Einzelfällen nach Rücksprache mit der Vertrauensärztin oder dem Vertrauensarzt.

Der Grund dafür ist die unklare wissenschaftliche Evidenz hinsichtlich Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Cannabis als Medizin. Aber es kann sich eventuell dennoch lohnen, mit der Krankenkasse Kontakt aufzunehmen und um eine Kostengutsprache zu bitten. Denn unter Umständen ist eine Cannabis-Therapie günstiger als eine herkömmliche medikamentöse Therapie. Zunehmend übernehmen die Kassen nämlich die Kosten für Cannabis-Therapien, die sich auf monatlich 400 bis 600 Franken belaufen.

Berufung auf Härtefall-Urteil des Bundesgerichts könnte helfen

Zurzeit lässt sich noch nicht abzusehen, wie sich ein Bundesgerichtsentscheid vom 7. August 2018 auswirken wird. Darin wird festgestellt, dass in Härtefällen (Art. 71b KVV) eine Vergütung eines grundsätzlich nicht vergütungspflichtigen Arzneimittels (Magistralrezeptur) geleistet werden muss (das Urteil bezog sich zwar nicht auf Cannabis-Präparate, sondern auf spezielle Augentropfen, es könnte sich aber durchaus auf andere Indikationen und Heilmittel anwenden lassen). Als Härtefall gilt sowohl, wenn vom Einsatz des Arzneimittels ein grosser therapeutischer Nutzen gegen eine Krankheit erwartet wird, die für die versicherte Person tödlich verlaufen oder schwere und chronische gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen kann, als auch wenn wegen fehlender therapeutischer Alternativen keine andere wirksame und zugelassene Behandlungsmethode verfügbar ist. Betroffene Patienten sollten daher ein Kostengutsprachegesuch bei ihrer Krankenkasse stellen, darin ihre Härtefallkriterien schildern und auf den Bundesgerichtsentscheid vom 7. August 2018 verweisen.

Wo es in der Schweiz medizinisches Cannabis gibt

Kommt es zu einer Liberalisierung der Gesetzeslage, wird medizinisches Cannabis künftig ähnlich wie in Deutschland in vielen Schweizer Apotheken erhältlich sein. Zurzeit noch kann man schweizweit medizinisches Cannabis aber nur in ganz wenigen Apotheken finden. Sativa-Öl kann man über die Hänseler AG beziehen. Hier Anlaufadressen für Patienten:

Bahnhof Apotheke Langnau AG, Dr. M. + B. Fankhauser-Jost, Dorfstr. 2, 3550 Langnau, Telefon +41 34 402 12 55, Fax +41 34 402 64 42, E-Mail fankhauser@panakeia.ch

Apotheke zur Eiche AG, Flurina Dobler, Platz 10, 9100 Herisau, Telefon +41 71 353 50 70, Fax +41 71 353 50 80, E-Mail cannabinoide@eiche.ch 

Pharmacie de Florissant, C.-G. Christophi pharm. resp., Rue de Contamines 17, 1206 Genève, Telefon +41 22 346 5525, E-Mail cgchristophi@florissant.ch

Hänseler AG, Industriestrasse 35, 9100 Herisau, Telefon +41 71 353 58 58, Fax +41 71 353 58 00, E-Mail info@haenseler.ch 

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