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Sep 22, 2019 9 min lesen

Kann Cannabis bei Fibromyalgie helfen?

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von Dr. Daniela Garelick, MD
Medizinisch überprüft von Roni Sharon, MD

Überblick

Über Die Fibromyalgie ist vieles noch unbekannt und daher war die Entwicklung von Behandlungsoptionen herausfordernd. Die Behandlungen sind oft nicht wirksam und die PatientInnen wechseln von einer Therapie zur nächsten, wobei sie häufig starke Nebenwirkungen, aber nur einen minimalem Nutzen haben. Darüber hinaus haben Menschen mit Fibromyalgie häufiger Nebenwirkungen durch Medikamente als die restliche Bevölkerung, was die Behandlungsmöglichkeiten weiter einschränkt.

Das Interesse an medizinischem Cannabis zur Behandlung von Fibromyalgie nimmt stetig zu. Cannabis wurde bereits vor 5.000 Jahren im alten China zur Behandlung von Krämpfen und Schmerzen eingesetzt. Dies liegt nicht nur an seinen schmerzstillenden Eigenschaften, sondern auch an seinem Potenzial, bei anderen Begleitsymptomen wie Schlaflosigkeit, Angst und Depressionen zu helfen.

Cannabis und muskuloskelettale Schmerzen

Cannabis enthält über 500 Wirkstoffe, darunter mindestens 140 Cannabinoide. Die Zahl der Wirkstoffe ist in den letzten Jahren aufgrund neuer Forschungsergebnisse stetig gestiegen. Cannabinoide beeinflussen den Körper, indem sie mit dem Endocannabinoid-System (ECS) interagieren und es aktivieren. Das ECS gliedert sich in drei Hauptteile: im ganzen Körper verteilte Rezeptoren, Cannabinoid-Moleküle, die mit den Rezeptoren zusammenarbeiten und diese aktivieren, sowie Stoffwechselenzyme. Eine besonders hohe Konzentration von Cannabinoid-Rezeptoren findet sich im Nervensystem, im Immunsystem und in den Knochen und Gelenken, wo das ECS seine Hauptfunktionen ausübt. Die Enzyme wirken als Regulatoren des ECS. Entweder synthetisieren sie die Moleküle, die das ECS aktivieren, oder sie bauen die Cannabinoide ab und stoppen so die Aktivierung der Rezeptoren. 

Cannabinoid-Moleküle, die das ECS aktivieren, finden sich an drei verschiedenen Stellen: im Körper, in der Cannabispflanze und in pharmazeutischen Präparaten.

Wenn sie natürlich im Körper auftreten werden sie als Endocannabinoide bezeichnet (endo ist von der griechischen Vorsilbe für innen abgeleitet) und spielen eine wichtige Rolle beim inneren Gleichgewicht (Homöostase) unseres Körpers. Endocannabinoide werden vom Körper als Reaktion auf verschiedene Arten von physischem und psychischem Stress produziert. Die genauen Funktionen des ECS werden derzeit noch erforscht. 

Die anderen natürlich vorkommenden Cannabinoide sind in der Pflanze Cannabis sativa enthalten und werden als Phytocannabinoide bezeichnet. Die am häufigsten untersuchten Phytocannabinoidmoleküle sind Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Diese Phytocannabinoide ähneln den Endocannabinoiden, da sie ebenfalls die Fähigkeit haben, die Cannabinoid-Rezeptoren zu aktivieren. 

Schließlich wurden Cannabinoide auch als pharmazeutische Präparate hergestellt. Die meisten pharmazeutischen Präparate sind synthetisierte Cannabinoid-Moleküle, die ähnlich oder fast identisch mit THC sind, zum Beispiel Nabilone, das von von der Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der USA (FDA) für den Einsatz in den USA zugelassen wurde.

Bislang wurden zwei Cannabinoid-Rezeptoren identifiziert und wahrscheinlich werden in zukünftigen Studien noch mehr Rezeptoren entdeckt werden. Sowohl der Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1) als auch der Cannabinoid-Rezeptor 2 (CB2) können aktiviert werden, wenn die Cannabinoid-Moleküle mit Endocannabinoiden, Phytocannabinoiden oder synthetischen Cannabinoiden kombiniert werden. Die jeweilige Kombination der Cannabinoid-Moleküle und des Cannabinoid-Rezeptors aktiviert spezifische Signalwege in den Zellen. Eines der zentralen Ergebnisse dabei ist die Verringerung der Freisetzung von Neurotransmittern. Neurotransmitter sorgen in erster Linie für die Signalübertragung im Nervensystem und sind an vielen Prozessen wie der Schmerzwahrnehmung und anderen Hirnfunktionen wie Schlaf und Angst beteiligt. CB1-Rezeptoren finden sich hauptsächlich im Nervensystem, sowohl im Gehirn als auch in den peripheren Nerven, die vom Rückenmark ausgehen. CB2-Rezeptoren sitzen vor allem auf Zellen des Immunsystems und auf verschiedenen muskuloskeletalen Zellen. Ihre Wirkung auf Schmerzen, den Schlaf und Angstzustände, könnte bei der Behandlung der Fibromyalgie hilfreich sein.

Fibromyalgie und Cannabis

Die Erforschung von medizinischem Cannabis ist relativ neu. Dies liegt vor allem an seinem Rechtsstatus: Es ist unmöglich oder zumindest sehr schwierig, medizinische Studien zu illegalen Substanzen durchzuführen. Seit der Änderung der Vorschriften steigt das Interesse an medizinischem Cannabis, weswegen immer mehr Studien durchgeführt werden. Dennoch ist dieses Forschungsgebiet noch relativ jung, so dass es derzeit nicht viele Daten über die Wirkung von Cannabis bei Fibromyalgie gibt.

In einer kürzlich durchgeführten, qualitativ hochwertigen, aber sehr kleinen Studie (randomisierte placebokontrollierte Studie) wurde die schmerzstillende Wirkung von Cannabis mit pharmazeutischer Qualität bei 20 Patienten mit Fibromyalgie untersucht. Die vier Probandengruppen erhielten entweder Cannabis mit hohem THC- und minimalem CBD-Gehalt, mit gleichem THC- und CBD-Gehalt, mit hohem CBD- und minimalem THC-Gehalt oder ein Placebo (kein THC oder CBD). Nach der Behandlung wurde das spontane Schmerzniveau gemessen (d. h. Schmerzen, die ohne offensichtlichen Auslöser vorhanden sind) und Schmerztests durchgeführt (Schmerzen, die durch einen Auslöser hervorgerufen wurden). Patienten, die eine Kombination aus CBD und THC erhielten, hatten im induzierten Druckschmerztest statistisch verbesserte Schmerzwerte: 30 % weniger Schmerzen im Vergleich zu Placebo. Keine der Behandlungen hatte einen Einfluss auf die Stärke der spontanen Schmerzen. Cannabis mit CBD und ohne THC zeigte keine Auswirkungen auf die Schmerzen. 

In zwei weiteren randomisierten kontrollierten Studien wurde die Wirkung des synthetischen Cannabinoids Nabilon auf die Fibromyalgie untersucht. In einer Studie wurde die Behandlung mit Nabilon im Vergleich zu einem Placebo und in der anderen Studie wurde die Behandlung mit Nabilon im Vergleich zu Amitriptylin (einem trizyklischen Antidepressivum zur Behandlung von Fibromyalgie) geprüft. Die Studie, die Nabilon mit dem Placebo verglich, lieferte Belege von geringer Qualität dafür, dass das Cannabinoid die Schmerzkontrolle und die Lebensqualität verbesserte. Es wurde kein Einfluss auf Müdigkeit oder Depressionen festgestellt. Die Studie, in der Nabilon im Vergleich zu Amitriptylin untersucht wurde, ergab Belege von geringer Qualität für einen verbesserten Schlaf unter Cannabinoid-Behandlung. Im Gegensatz zur erstgenannten Studie gab es hier keine Auswirkungen auf Schmerzen oder Lebensqualität. 

Kürzlich wurde eine größere Beobachtungsstudie mit 367 PatientInnen veröffentlicht, in der pflanzenbasiertes, medizinisches Cannabis mit entweder hohem THC- oder hohem CBD-Gehalt untersucht wurde. 80 % der PatientInnen berichteten von einer Verbesserung ihrer Symptome wie Schlafstörungen und Depressionen. Auch bei den Schmerzen und der Lebensqualität gab es deutliche Verbesserungen. Bei den Nebenwirkungen wurden am häufigsten Schwindel (8%), Mundtrockenheit (7%), Übelkeit & Erbrechen (5%) und Hyperaktivität (5%) gemeldet. Bei 1% der teilnehmenden PatientInnen wurden Halluzinationen dokumentiert. Die Ergebnisse dieser Studie erscheinen sehr ermutigend, dennoch muss beachtet werden, dass es sich hierbei um eine Beobachtungsstudie handelt. Das bedeutet, dass es Probleme bei der Methodik gibt und die Ergebnisse möglicherweise durch andere Faktoren als die Behandlung beeinflusst wurden. Das bedeutet wiederum, dass die Ergebnisse möglicherweise nicht wirklich die Auswirkungen von medizinischem Cannabis repräsentieren. Zum Beispiel fühlen sich manche Menschen schon besser, weil sie in einer Studie eine neue Behandlung erhalten. Der einzige Weg, um die Auswirkungen von medizinischem Cannabis zu untersuchen, ist, mehr Daten zu sammeln und qualitativ hochwertige Studien durchzuführen.

Zu den Nebenwirkungen einer Cannabinoidbehandlung gehören sofortige Effekte auf die motorische und kognitive Funktion, die bis zu 5 Stunden andauern können. Darüber hinaus kann das Rauchen von Cannabis ein Risikofaktor für die Entwicklung von Atemwegserkrankungen sein. Cannabiskonsum steht auch mit Psychosen, Paranoia und Angststörungen in Zusammenhang, insbesondere wenn ein THC-haltiges Produkt konsumiert wird. 

Bisher zeigt die aktuelle Forschung, dass die Behandlung mit Cannabinoiden, ob pflanzlich oder synthetisch, eine positive Wirkung auf Menschen mit Fibromyalgie hat. Der stärkste Beleg ist, dass dieser Effekt von THC erzeugt wird – im Gegensatz zu begrenzten Belegen für die Wirksamkeit von CBD bei Fibromyalgie. Die klinische Forschung zur Behandlung mit Cannabinoiden ist relativ neu und die Mehrzahl der beschriebenen Studien ist klein. Es ist wahrscheinlich, dass mit größeren und hochwertigen Studien die Auswirkungen einer Cannabinoidbehandlung bei Fibromyalgie deutlicher werden.

Es gibt bekannte Zusammenhänge zwischen Fibromyalgie, Migräne und Reizdarmsyndrom (RDS). Es wird vermutet, dass diese Krankheiten/Syndrome eine ähnliche Ursache haben und dass sie alle mit Cannabis behandelt werden können. Die angenommene Ursache ist ein Endocannabinoid-Mangel. Es gibt einige Forschungsarbeiten, die bei PatientInnen mit Migräne einen verminderten Endocannabinoid-Spiegel festgestellt haben, und auch in einer Studie mit Mäusen standen verminderte Endocannabinoid-Werte mit einer Schmerzüberempfindlichkeit in Zusammenhang. Darüber hinaus deuten immer mehr Daten darauf hin, dass das ECS eine Rolle bei der Entwicklung einer veränderten Funktion des Verdauungstraktes spielen kann. Derzeit gibt es jedoch keine Studien, in denen der Endocannabinoid-Spiegel bei Fibromyalgie oder RDS untersucht wird. Daher ist ein Endocannabinoid-Mangel bei Fibromyalgie immer noch eine Theorie, es gibt wenig Daten und die Forschung dazu läuft.

Fibromyalgie ist eine sehr beeinträchtigende Krankheit mit begrenzten Behandlungsmöglichkeiten. Medizinisches Cannabis kann eine neue Behandlungsoption bieten, die allein oder zusammen mit anderen Fibromyalgietherapien eingesetzt werden kann. Trotz begrenzter Datenmengen scheint die Forschung zunehmend positive Effekte nachzuweisen. Wer mit einer Cannabis-Behandlung beginnen möchte, sollte mit seinem behandelnden Arzt über die Vor- und Nachteile sprechen.

Zugang

Obwohl Cannabis in den USA auf Bundesebene illegal ist, hat die Mehrheit der Staaten Cannabis für den medizinischen Gebrauch legalisiert. Einzelne Staaten haben medizinisches Cannabis mit verschiedenen Einschränkungen legalisiert. In den folgenden Staaten ist Fibromyalgie oder chronischer Schmerz eine gültige Indikation für die Verschreibung von medizinischem Cannabis: Alaska, Arizona, Arkansas, Kalifornien, Colorado, Connecticut, Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Iowa, Louisiana, Maine, Maryland, Massachusetts, Michigan, Minnesota, Missouri, Montana, Nevada, New Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Dakota, Ohio, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, Vermont, Virginia, Washington, West Virginia. 

Weitere Länder, in denen Fibromyalgie oder chronische Schmerzen eine rechtliche Indikation für die Verschreibung von medizinischem Cannabis sind: Australien, Chile, Kolumbien, Kanada, Tschechien, Deutschland, Griechenland, Israel, Italien, Niederlande, Norwegen, Polen, Rumänien und Uruguay. 

Haftungsausschluss

Inhalte auf The Cannigma dienen nur zu Informationszwecken. Sie sind kein Ersatz für professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Vor Beginn einer Behandlung mit Cannabis sollten Sie sich immer von einem Arzt mit Erfahrung mit medizinischem Cannabis beraten lassen.

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