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Kann Cannabis beim Tourette-Syndrom helfen?

von Sarah Pritzker

Sep 22, 2019

Cannabis ist wahrscheinlich die beliebteste Alternative zur Behandlung des Tourette-Syndroms. Eine wachsende Anzahl klinischer Belege deutet darauf hin, dass cannabisbasierte Medikamente nicht nur die Tics verbessern, sondern auch die oft damit einhergehenden psychischen Beschwerden, wie Zwangsstörungen, ADHS, Angst und Depressionen – sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern

Aktuelle Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass auch das Endocannabinoid-System Einfluss auf das Tourette-Syndrom haben könnte.   Cannabis scheint also eine bahnbrechende Therapie des Tourette-Syndroms darzustellen und für viele Symptome dieser Erkrankung Linderung zu bieten. 

Auch Forschungsergebnisse zeigen, dass Cannabis für Tourette-PatientInnen eine sichere Substanz ist. In den veröffentlichten Berichten werden nur geringfügige Nebenwirkungen erwähnt und einige Studien deuten sogar darauf hin, dass der Cannabiskonsum bei Tourette-PatientInnen auch die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern kann.  

Obwohl Ärzte in vielen Teilen der Welt immer noch davor zurückschrecken, Cannabis gegen Tourette zu verschreiben, könnte sich das sehr bald ändern, da immer mehr hochwertige Forschungsergebnisse ans Licht kommen und die Gesetze zum Cannabiskonsum weiter gelockert werden.

Das Endocannabinoid-System (ECS) besteht aus Endocannabinoiden, ihren Rezeptoren und den Enzymen, die sie synthetisieren und abbauen. Es hilft unserem Körper, einen gesunden Gleichgewichtszustand (Homöostase) aufrechtzuerhalten.

Dementsprechend trägt dieses System zur Regulierung einer Vielzahl von wichtigen Prozessen bei, darunter die kognitive Funktion, Funktion des Immunsystems, Stimmung, Schlaf, Schmerzempfinden und Stoffwechsel. 

Anandamid und 2-AG, die beiden wichtigsten Endocannabinoide unseres Körpers, sind die Hauptkomponenten dieses Systems. Sie wirken über zwei bekannte Cannabinoid-Rezeptoren: CB1- und CB2-Rezeptoren. Diese Rezeptoren sind überall im Körper zu finden, wobei CB1-Rezeptoren besonders häufig im zentralen Nervensystem und CB2-Rezeptoren in Immunzellen vorkommen.

CB1 und CB2 können auch mit Phytocannabinoiden interagieren. Das sind von Pflanzen produzierte Moleküle, die strukturell den Endocannabinoiden unseres Körpers ähneln. Die bekanntesten von ihnen, THC und CBD, sind in großen Mengen in Cannabis enthalten. Ihre Ähnlichkeit mit den Endocannabinoiden könnte erklären, wie Cannabis seine medizinische Wirkung erzielt.

Derzeit gibt es noch nicht viele direkte Belege für den Einfluss des Endocannabinoid-Systems auf das Tourette-Syndrom, aber es gibt viele indirekte Hinweise und Korrelationen.

Zum einen wissen die ForscherInnen, dass CB1-Rezeptoren reichlich in den Basalganglien vorkommen. Dieser Teil des Gehirns ist unter anderem für die Bewegungssteuerung des Körpers verantwortlich und eine Fehlfunktion an dieser Stelle spielt eine zentrale Rolle beim Tourette-Syndrom. Dies deutet darauf hin, dass das Endocannabinoid-System an der Regulierung der Bewegung beteiligt ist.

Darüber hinaus gibt es starke Hinweise darauf, dass das Tourette-Syndrom mit einer Dysfunktion des Dopamin-Systems einhergeht. Es ist bekannt, dass das Endocannabinoid-System einen signifikanten Einfluss auf die Dopamin-Neurotransmission hat. Daher können bei Erkrankungen mit einer Dopamin-Dysfunktion (wie dem Tourette-Syndrom) Therapien, die das Endocannabinoid-System ansprechen, sinnvoll sein.

Insbesondere spekulieren die ForscherInnen, dass das Endocannabinoid-System eine Rolle bei der Unterdrückung der überaktiven Dopaminweiterleitung im Gehirn spielen könnte. Diese Überaktivität führt zu der mangelhaften Bewegungskontrolle, die die Tics, das „Markenzeichen“ des Tourette-Syndroms, auslöst. 

Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass das Tourette-Syndrom auch mit einer Dysfunktion anderer Neurotransmitter im Gehirn, nämlich Glutamat und GABA, einhergeht. Manche Studien haben gezeigt, dass diese Neurotransmitter ebenfalls durch das Endocannabinoid-System beeinflusst werden.

Zusammengenommen liefern diese Beweise eine plausible Erklärung dafür, warum cannabisbasierte Medikamente, die auf das Endocannabinoid-System wirken, vielen Menschen mit Tourette hilft

Es gibt eine Vielzahl an Belegen dafür, dass Cannabis nicht nur die Tics verbessern kann, sondern auch die mit der Erkrankung einhergehenden psychischen Störungen, von denen fast 90% der Tourette-PatientInnen betroffen sind, zum Beispiel ADHS, Angststörungen, Depressionen und Zwangsstörungen.

Die beiden wichtigsten klinischen Studien zur Behandlung von Tourette und damit verbundenen psychischen Erkrankungen mit Cannabis wurden von Dr. Müller-Vahl geleitet, einem führenden Experten für Tourette und andere Tic-Störungen. 

In der ersten Studie von 2002 erhielten 12 Erwachsene mit Tourette eine von drei Dosen reines THC oder ein Placebo. Die THC-Behandlung verbesserte die Tics signifikant.  Sie verbesserte auch das zwanghafte Verhalten, eine der häufigsten Komorbiditäten des Tourette-Syndroms. 

An einer Folgestudie im Jahr 2003 nahmen 24 erwachsene Tourette-PatientInnen teil. Ihnen wurde 6 Wochen lang bis zu 10 mg THC pro Tag oder ein Placebo verabreicht. Auch hier hat THC die Tics deutlich verbessert.

Darüber hinaus ergab eine Umfrage im Jahr 1998 unter 64 Tourette-PatientInnen, von denen 14 Cannabis konsumierten, dass 82% dieser 14 CannabiskonsumentInnen eine Verringerung oder vollständige Remission ihrer Tics sowie eine Verbesserung des prämonitorischen Drangs und der zwanghaften Symptome aufwiesen. In einem Bericht aus dem Jahr 2017 wurde bei 19 Erwachsenen mit dem Tourette-Syndrom ebenfalls die Wirksamkeit von Cannabis untersucht. Im Durchschnitt wurden die Tics um 60% reduziert und bei 18 von 19 Personen haben sie sich signifikant verbessert. Studien, die zeigen, dass Cannabis die Tics und andere Tourette-Symptomes konsequent verbessert, sind sehr vielversprechend. 

Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl veröffentlichter Fallberichte von Tourette-PatientInnen, die durch Cannabiskonsum Abhilfe für ihre Tics und damit zusammenhängende psychische Probleme gefunden haben. In einem Bericht von 1993 wurde ein 36-jähriger Mann beschrieben. Er rauchte täglich Cannabis und hatte seit einem Jahr keine Tics mehr. 

In einem weiteren Bericht aus dem Jahr 1999 ging es um einen 25-jährigen Patienten mit fortgeschrittenem Tourette-Syndrom sowie ADHS, Zwangsstörungen, Angst und Impulsivität. Er erlebte durch das Rauchen von Cannabis eine Verbesserung all seiner Symptome. Dieser Patient erhielt dann eine einzige Dosis von 10 mg THC, was zu einer 80%igen Verringerung seiner Tics und anderen Symptomen sowie zu einer verbesserten Aufmerksamkeit und Reaktionszeit führte.

In einer Fallstudie aus dem Jahr 2011 wurde ein 42-jähriger Mann beschrieben, der mit der THC-Behandlung eine Verringerung seiner Tics um 75% sowie eine Verbesserung seiner Konzentration und Sehfähigkeit erlebte.

In einem Bericht aus dem Jahr 2017 wurde ein 16-jähriger Junge mit komplexen Tics und damit einhergehenden psychischen Problemen wie Schlafstörungen, Angstzuständen, Zwangsstörungen, Depressionen und Wutanfällen beschrieben. Ihm wurde THC in vaporisierter Form verschrieben, was zu einer signifikanten Verbesserung der Tics und der damit verbundenen psychischen Probleme führte. Im selben Bericht wurde ein ähnlicher Fall eines 19-jährigen Jungen mit einer seltenen Tourette-Form vorgestellt, der ebenfalls bei täglicher Einnahme von medizinischem Cannabis eine deutliche Verbesserung erfuhr.

Es gibt auch einen Bericht über einen 7-jährigen Jungen mit schwerem Tourette-Syndrom und damit einhergehend ADHS und Depressionen. Nachdem alle anderen Medikamente versagt hatten, wurde ihm THC verabreicht. Der Junge nahm das THC täglich zusammen mit zwei Tourette-Medikamenten ein und erlebte trotz der hohen THC-Dosis eine signifikante Verbesserung der Tics und der damit verbundenen psychischen Probleme – ohne Nebenwirkungen.

In Fallberichten von Tourette-PatientInnen, die Nabiximols (auch bekannt als Sativex), ein cannabisbasiertes Spray mit THC und CBD erhielten, wurden ebenfalls ähnliche Verbesserungen beschrieben.

Einige Studien haben gezeigt, dass reines CBD allein ohne THC nicht die Tourette-Tics verbessert und dass Vollpflanzen-Cannabispräparate mit mittleren bis hohen THC-Werten besser wirken als reine THC-Medikamente

Es ist allgemein bekannt, dass Cannabiskonsum mit Nebenwirkungen verbunden ist, zum Beispiel Angst, Schwindel, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Übelkeit, Mundtrockenheit, Gedächtnisstörungen und das „High“.

Praktisch alle veröffentlichten Berichte über den Cannabiskonsum bei Tourette-PatientInnen haben diese Effekte nachgewiesen. Jedes Mal wurden diese Nebenwirkungen jedoch als geringfügig und vorübergehend angesehen und es wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen gemeldet.

Interessanterweise verschlechtert Cannabis nicht unbedingt die kognitive Leistungsfähigkeit von Tourette-PatientInnen. Dies steht im Widerspruch zu dem Rückgang der mentalen Leistungsfähigkeit bei gesunden Menschen.

Eine Studie ergab zum Beispiel, dass Tourette-PatientInnen, die THC einnahmen, keine Abnahme der Reaktionszeit, der Intelligenz, der Aufmerksamkeit oder anderer Marker für die kognitive Leistungsfähigkeit aufwiesen. Eine weitere Studie ergab, dass THC bei ProbandInnen mit Tourette tatsächlich das verbale Gedächtnis verbesserte. Schließlich gibt es sogar Berichte, dass THC die Konzentration und die Sehfähigkeit verbessern kann, was zu einer verbesserten Fahrtüchtigkeit von Tourette-PatientInnen führt.

Zusammen mit der Verbesserung der Aufmerksamkeit und der Beseitigung der damit verbundenen kognitiven Problemen, die in anderen Studien berichtet wurden, deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass Menschen mit Tourette tatsächlich eine verbesserte kognitive Funktion durch den Cannabiskonsum entwickeln können.

Cannabis ist in einigen Ländern mit Programmen für medizinisches Cannabis, darunter Italien, die Niederlande und Israel, zur Behandlung des Tourette-Syndroms zugelassen.

Auch in anderen Ländern ohne spezifische Verschreibungsbedingungen für medizinisches Cannabis kann man es zur Behandlung des Tourette-Syndroms erhalten, wenn es von einem Arzt empfohlen wird, zum Beispiel in Österreich, Griechenland, Deutschland, Norwegen, Paraguay, Polen, Uruguay und Estland.

In den USA ist der Konsum von medizinischem Cannabis beim Tourette-Syndrom in den Staaten Arkansas, Illinois, Missouri, New Jersey, Ohio und Pennsylvania erlaubt.

Haftungsausschluss

Inhalte auf The Cannigma dienen nur zu Informationszwecken. Sie sind kein Ersatz für professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Vor Beginn einer Behandlung mit Cannabis sollten Sie sich immer von einem Arzt mit Erfahrung mit medizinischem Cannabis beraten lassen.

Über das Tourette-Syndrom

Überblick

Das Tourette-Syndrom ist eine neurologische Erkrankung, bei der die Betroffenen wiederholt unwillkürliche Bewegungen (Tics) und Laute oder sprachliche Äußerungen produzieren. Das Syndrom wurde erstmals 1885 vom französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette beschrieben und ist nach ihm benannt.  

Tourette wird in der Regel bereits in der Kindheit diagnostiziert, am häufigsten im Alter zwischen drei und neun Jahren, meist beginnend vor dem Alter von 18 Jahren. Jungen sind drei- bis viermal wahrscheinlicher als Mädchen betroffen und die Erkrankung wird oft von ADHS oder ADS begleitet. Die Erkrankung ist chronisch und verschwindet nie, allerdings nimmt die Häufigkeit der Symptome in der Regel während der späten Jugend und im frühen Erwachsenenalter ab. Nur bei etwa 10-15% der Betroffen verschlechtert sich der Zustand im Laufe des Lebens. 

Etwa 1% aller Menschen entwickelt das Tourette-Syndrom, das wären in Deutschland über 81 000 Menschen.

Symptome

Das Tourette-Syndrom ist gekennzeichnet durch unfreiwillige Tics, Bewegungen und/oder Lautäußerungen, die die Betroffenen ohne Absicht machen. Normalerweise beginnt Tourette mit einfachen Tics, also kleinen Bewegungen nur einer Muskelgruppe. Diese entwickeln sich zu komplexen Tics, bei denen mehrere Muskelgruppen beansprucht werden. Die Betroffenen können motorische Tics (also Bewegungen) oder vokale Tics (Laute und sprachliche Äußerungen) haben. 

Zu den motorischen Tics gehören:

  • Blinzeln oder mit den Augen zucken
  • Mit dem Kopf nicken
  • Grimassen mit dem Mund machen

Komplexere motorische Ticks umfassen Gesten, Bücken oder Drehen, Hüpfen, an Dingen riechen oder sie berühren, in einem bestimmten Muster gehen oder die Bewegungen Anderer kopieren. 

Zu den vokalen Tics gehören:

  • Grunzen
  • Husten oder Räuspern
  • Schnüffeln 
  • Bellen 

Komplexe vokale Tics umfassen die Wiederholung von Wörtern oder Phrasen, die Wiederholung der Worte Andere oder das Herausschleudern obszöner und aggressiver Ausdrücke. Diese Obszönitäten sind die bekannteste Art von Tics, aber sie treten nur bei etwa 10% der Betroffenen auf. 

Das Kopieren von Wörtern oder Bewegungen anderer Personen ist sehr häufig und typisch für Tics. 

Die Tics treten phasenweise stärker und phasenweise schwächer auf. Vor allem in Zeiten von Krankheit, Stress, Müdigkeit, Sorge oder Aufregung können sie sich verschlimmern. In der Jugend sind sie normalerweise am stärksten ausgeprägt und werden dann im Erwachsenenalter schwächer. Tics können auch im Schlaf auftreten, wenn auch viel seltener.  

Menschen mit Tourette empfinden in der Regel ein Gefühl von Unbehagen, bevor der Tic auftritt. Dies wird als „prämonitorischer Drang“ bezeichnet. Das fühlt sich wie ein Juckreiz oder ein Kribbeln in einem Teil des Körpers an. Sobald dem Tic nachgegeben wurde, hört auch das Gefühl auf. Obwohl die Betroffenen ihre Tics unterdrücken können, erfordert dies viel Kraft und ist nicht lange möglich.  Darüber hinaus fühlen sie sich in Gesellschaft oft sehr unwohl, da dann andere ihre Ticks sehen oder hören können. Dies kann auch zu Angst und Depressionen führen, gepaart mit Stress, was nur zu noch mehr Tics führt.

Diagnose

Das Tourette-Syndrom wird hauptsächlich durch das Ausschließen anderer Ursachen für die Tics diagnostiziert. Im Rahmen der Diagnose prüft der Arzt Folgendes:

  • Ob Sie sowohl motorische als auch vokale Tics haben (auch wenn sie möglicherweise nicht gleichzeitig auftreten).
  • Ob sich Ihre Tics im Laufe der Zeit ändern, seltener oder häufiger auftreten, schwerwiegend und komplex sind, sich an verschiedenen Körperstellen und in verschiedenen Formen zeigen.
  • Ob Sie länger als ein Jahr lang mehrmals täglich Tics hatten, fast jeden Tag.
  • Ob die Tics vor Ihrem 18. Geburtstag begannen.
  • Ob Ihre Tics durch Medikamente, andere zugrunde liegende Krankheiten oder andere konsumierte Substanzen verursacht werden.

Manche Betroffene haben vielleicht nur motorische Tics, während andere nur vokale Tics haben.  Die Diagnose Tourette wird nur gestellt, wenn beide Arten vorhanden sind.  

Viele der Symptome des Tourette-Syndroms können mit anderen Krankheiten verwechselt werden, wie zum Beispiel ständiges Blinzeln aufgrund von Augenproblemen oder Schnüffeln (Nase hochziehen) aufgrund von Allergien. 

Um andere Ursachen für die Tics auszuschließen, müssen möglicherweise Bluttests, MRT-Untersuchungen oder beides durchgeführt werden, um nach anderen neurologischen Problemen zu suchen.

Ursachen

Die genaue Ursache des Tourette-Syndroms ist unbekannt. Es entwickelt sich wahrscheinlich aufgrund einer Kombination aus mehreren verschiedenen Faktoren, einschließlich genetischer und Umweltfaktoren.  Auch chemische Substanzen im Gehirn (Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin), die für die Kommunikation der Nervenzellen untereinander wichtig sind, spielen wahrscheinlich eine große Rolle.  

Das Tourette-Syndrom tritt bei Jungen häufiger auf als bei Mädchen und geht oft mit einer Hyperaktivitätsstörung und einer Zwangsstörung einher, aber es gibt keine anderen bekannten Risikofaktoren. Es ist nicht einmal klar, ob das Tourette-Risiko höher ist, wenn man ein nahes Familienmitglied mit dem Syndrom hat.

Behandlung

Tourette kann nicht geheilt werden, aber es gibt mehrere Behandlungsmöglichkeiten, um seine Auswirkungen zu reduzieren. Die Behandlung von Tourette umfasst im Allgemeinen eine Kombination aus Medikamenten und Therapien. 

Medikamente

Es gibt kein Medikament, das bei allen Tourette-PatientInnen wirkt. Darüber hinaus stoppt kein Medikament zu 100% alle Tics und sie verursachen zahlreiche Nebenwirkungen, so dass nur wenige Betroffene ein Leben lang Medikamente einnehmen. Medikamente sind eine gute Wahl, wenn die Symptome sehr stark sind oder die Betroffenen noch lernen mit ihren Symptomen umzugehen. 

  • Neuroleptika (Antipsychotika), wie Haloperidol (Haldol) und Pimozid (Orap) blockieren oder reduzieren den Dopamintransport im Gehirn und gehören zu den wirksamsten Tourette-Medikamenten. Allerdings können sie erhebliche und belastende Nebenwirkungen haben, zu denen Zittern, parkinsonähnliche Symptome, Sedierung und Gewichtszunahme gehören. Wer sie für eine lange Zeit genommen hat, muss sie langsam ausschleichen, sonst können die Tics noch schlimmer als vorher werden. 
  • Medikamente gegen Bluthochdruck wie Clonidin (Catapres, Kapvay) und Guanfacin (Intuniv) können ebenfalls die Anzahl der Tics verringern. Sie sind nicht so wirksam wie Neuroleptika, haben aber weniger Nebenwirkungen – vor allem keine Sedierung.
  • Antidepressiva wie Fluoxetin (Prozac) können gegen Depressionen, Angstzustände und Zwangsstörungen helfen, die oft mit dem Tourette-Syndrom einhergehen. 
  • Botox-Injektionen in die Muskelgruppen, die wiederholt Tics verursachen, können einfache oder vokale Tics verhindern, beseitigen aber keine komplexen motorischen Tics. 

Therapie

Menschen mit Tourette können oft lernen, ihre Tics für kurze Zeit zu kontrollieren, aber dies erfordert viel harte Arbeit und natürlich kommen die Tics später wieder. Oftmals erleben Kinder, die ihre Tics in der Schule mit viel Mühe unterdrücken, einen ganzen Schwall an Tics, wenn sie nach Hause kommen und sich entspannen können. 

Es gibt verschiedene Therapien, um die Symptome im Griff zu behalten:

  • Eine kognitive Verhaltenstherapie, zum Beispiel kognitive Verhaltensinterventionen bei Tics, beinhaltet eine Gewohnheitsumkehrtherapie, durch die die Betroffenen lernen ihren prämonitorischen Drang wahrzunehmen und sich bewusst so zu bewegen, dass die Symptome des Tics reduziert werden.  Dies kann eine sehr effektive Behandlung für Tourette sein und ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Kindern und Jugendlichen.  
  • Bei der Exposure Response Prevention (ERP) wird der Drang, der den Tics vorausgeht, bewusst provoziert. So lernen die Betroffenen, das unangenehme Gefühl auszuhalten und es ohne Tic vorübergehen zu lassen. 
  • In der Psychotherapie (Gesprächstherapie) lernen die Betroffenen mit ihren Tics und der oft mit Tourette einhergehenden Hyperaktivität, dem Zwangsverhalten und den Depressionen umzugehen. 
  • Die Nutzung der Tiefenhirnstimulation (THS) befindet sich noch in einem sehr frühen Stadium, zeigt aber Erfolge. Bei der THS wird ein batteriebetriebenes Gerät in das Gehirn implantiert. So werden bestimmte Bereiche des Gehirns, die die Bewegung steuern, elektrisch stimuliert und die Tics verhindert. Diese Option wird nur bei einem sehr schweren Tourette-Syndrom, das auf praktisch keine anderen Therapien und Behandlungsmöglichkeiten nicht anspricht, verwendet.

Alternative Behandlungsmethoden

Die Tics sind im Allgemeinen weniger auffällig und treten seltener auf, wenn man abgelenkt ist und sich auf etwas anderes konzentriert, wie zum Beispiel beim Spielen eines Musikinstruments oder im Schlaf. Infolgedessen erleben viele Tourette-PatientInnen, dass verschiedene Methoden zum Entspannen, Stress abbauen und sich vom Drang ablenken die Menge ihrer unfreiwilligen Bewegungen senkt. Dabei können Optionen wie Meditation und Hypnose, tiefe Atemübungen und die Teilnahme an angenehmen Aktivitäten die Tics reduzieren. 

Auch die Einnahme von Cannabidiol (CBD) in Form von CBD-Öl, Kaugummi oder Infusionen kann möglicherweise die Tics verringern, da CBD das Gehirn beim Entspannen unterstützt. CBD ist ein nicht süchtig machendes Extrakt aus der Cannabispflanze. Es breauscht nicht, aber hilft dem Gehirn, Stress loszulassen und unfreiwillige Bewegungen zu stoppen. 

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