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Kann Cannabis bei Adipositas helfen?

von Emily Earlenbaugh, PhD.

Nov 5, 2019

Das Endocannabinoid-System und Adipositas

Kann Cannabis bei Fettleibigkeit helfen abzunehmen? Die Forschung zu diesem Thema ist komplex. Der heutige Stand der Wissenschaft deutet aber darauf hin, dass Cannabis möglicherweise helfen könnte.

Cannabis beeinflusst unser Gewicht und unseren Hunger hauptsächlich durch das Zusammenspiel mit einem natürlichen System in unserem Körper. Besser bekannt als das Endocannabinoid-System. Das System besteht aus natürlichen Chemikalien, den Endocannabinoiden. Des Weiteren gehören die Endocannabinoid-Rezeptoren und Enzyme, die die Fähigkeit besitzen, Endocannabinoide abzubauen, zum Endocannabinoid-System dazu. Dieses wichtige System ist zuständig für die Homöostase einiger wesentlicher physiologischen Funktionen unseres Körpers. Als Beispiele lassen sich folgende überlebenswichtigen Funktionen aufführen, die im Zusammenhang mit dem Endocannabinoid-System stehen:

  • Hunger
  • Kraft
  • Inflammation
  • Stressreaktion
  • Gedächtnisbildung
  • Schlaf
  • Stimmung
  • Muskelkontrolle
  • und Schmerzen

Endocannabinoide binden sich an die zugehörigen Endocannabinoid-Rezeptoren. Dadurch treiben sie das System an und können somit die Schlüsselfunktionen unseres Körpers regulieren und balancieren. Interessanterweise sind diese Moleküle ähnlich wie Cannabinoide, die aktiven Stoffe in Cannabis, aufgebaut. Cannabinoide sind also in der Lage einige Endocannabinoid-Rezeptoren anzuregen und deren Wirkung zu verstärken. 

Das Endocannabinoid-System spielt auch für unser Körpergewicht eine bedeutsame Rolle. Endocannabinoide sind wichtig für die Regulation des Essverhaltens, der Kraft, des Stoffwechsels und des Körpergewichts.Cannabinoide beeinflussen deshalb höchstwahrscheinlich auch diese Körperfunktionen. Genau genommen schauten Forscher sich die Verbindung von Endocannabinoiden und Adipositas nur an, weil THC – eines der aktiven Cannabinoide von Cannabis – die Tendenz zeigt, den Appetit zu steigern. THC ist dafür bekannt den CB1 Endocannabinoid-Rezeptor des menschlichen Körpers zu stimulieren. Der CB1-Rezeptor ist vor allem im Zentralnervensystem vorzufinden. Ein gesteigertes Hungergefühl und die Förderung der Fettspeicherung können Folgen sein, wenn CB1 stimuliert wird. Deshalb forschen Wissenschaftler heute nach, ob die Hemmung von CB1 zum Verlust des Appetits führen kann und somit Menschen helfen könnte, die Probleme beim Abnehmen haben. 

Anhand von Versuchen mit Nagetieren gelang es Forschern noch mehr Belege für die Bestätigung dieser Theorie zu sammeln. Die Hemmung von CB1 führte zu reduziertem Fütterungsverhalten, weniger Nahrungsaufnahme und einer geringeren Gewichtszunahme bei den Nagetieren.

Das mag damit zusammenhängen, wie Endocannabinoid-Rezeptoren die Fettzellen beeinflussen. Es gibt drei wesentliche Arten von Fettzellen: weiße Fettzellen, die zuständig für die Fettspeicherung und Abgabe von Hormonen sind, braune Fettzellen sorgen für den Verbrauch von Kalorien und produzieren Wärme, beigefarbene Fettzellen sind Übergangszellen, die sich je nach Reiz von weiß zu braun verfärben können. Diese beigefarbenen Fettzellen können Übergewicht verhindern, indem sie den Energieverbrauch erhöhen. Deshalb sind einige Wissenschaftler der Meinung, dass ein medizinischer Eingriff, der weiße Fettzellen in beigefarbene Fettzellen umwandelt, bei der Bekämpfung von Adipositas helfen kann. Interessanterweise regulieren Cannabinoid-Rezeptoren in unserem Körper die Umwandlung der weißen Fettzellen in beige Fettzellen.

Angesichts dieser Informationen gibt es zwei grundlegende Wege, die laut Forschern beim Abnehmen helfen könnten. Die erste Möglichkeit ist das Blockieren der Aktivitäten von CB1, um das Essverhalten zu reduzieren und somit eine geringere Gewichtszunahme zu erreichen. In einigen Tierversuchen an Nagetieren führte das Blockieren von CB1 unter anderem zu einem optimierten Stoffwechsel und zur Verbesserung anderer Biomarker, die für die gewichtsbedingte Gesundheit bedeutsam sind. Diese Veränderungen fanden vor dem Gewichtsverlust statt, was darauf hinweist, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen dem erreichten Gewichtsverlust und dem Blockieren von CB1 bestehen könnte. 

Bei anderen Tierversuche konnten Forscher außerdem eine lang anhaltende Reizüberflutung des Endocannabinoid-Systems feststellen, das vor allem bei genetisch bedingter Adipositas zu beobachten war. Die Folge davon scheint die ständige Aktivierung von CB1 zu sein. Wissenschaftler sind aus diesem Grund der Meinung, dass die Blockierung von CB1 beim Abnehmen helfen kann. Dennoch scheint Gewichtsverlust bei Menschen keinen Einfluss auf die Aktivierung des Endocannabinoid-Systems zu haben. Was darauf hindeutet, dass es einen anderen Faktor geben muss, der bisher noch nicht entdeckt wurde.

Darüber hinaus ist es riskant Anpassungen an CB1-Rezeptoren vorzunehmen, da diese sich primär im Zentralnervensystem befinden und somit die Möglichkeit an einer Reihe von psychoaktiven Nebenwirkungen besteht. Rimonabant war ein Medikament zum Abnehmen, das in medizinischen Studien zum Einsatz kam. Das Medikament blockte zwar erfolgreich die CB1-Rezeptoren, wurde aber bald darauf wieder vom Markt genommen, da es schwere psychologische Nebenwirkungen verursachte. Die Probanden, die Rimonabant einnahmen, berichteten von innerer Unruhe und Depressionen als Folge – manchmal bis hin zu Selbstmordgedanken. Das ist einer der Gründe, warum man mit der Stimulierung von CB1 vorsichtig sein sollte. Weitere Forschung zu diesem Thema wird intensiv betrieben. 

Die zweite Möglichkeit wäre CB2 zu stimulieren. Die aktuelle Forschung suggeriert, dass das Blockieren von CB2-Rezeptoren den Gewichtsverlust hemmt. Auf der anderen Seite könnte die Stimulation von CB2 den Appetit reduzieren. Dadurch könnte der Gewichtsverlust begünstigt werden. Es wird außerdem vermutet, dass dies auch die Transformation der Fettzellen von weiß zu beige beschleunigen könnte. Wie oben schon erwähnt, können beigefarbene Fettzellen helfen Adipositas zu bekämpfen, indem sie den Energieverbrauch erhöhen. Da sich CB2, im Gegensatz zu CB1 nicht primär im Zentralnervensystem befindet, besteht die Gefahr von psychoaktiven Nebenwirkungen nicht.

Die Forschung rund um Cannabis und Adipositas

Das Endocannabinoid-System hat einen großen Einfluss auf unser Gewicht. Basierend auf dem heutigen Stand der Forschung haben Wissenschaftler allen Grund anzunehmen, dass die Stimulation von CB2 oder das Blockieren von CB1 zum Gewichtsverlust führen können. 

Natürlich wird das Ganze ein bisschen komplizierter, wenn es an die Forschung am menschlichen Körper geht. Lange Zeit dachte man, dass Cannabis immer zu gesteigertem Appetit und damit einhergehender Gewichtszunahme führt. Viele Menschen empfinden ein gesteigertes Hungergefühl nach der Einnahme von Cannabis. In der einen Minute raucht man noch Cannabis und von der einen auf die andere Sekunde verspürt man plötzlich starke Lust zu essen. Auch auf Deutsch kann man dieses Phänomen “munchies” nennen, was soviel wie Heißhungerattacken bedeutet. Mehr als ein Cannabiskonsument hat diese Heißhungerattacken im Nachhinein bestimmt schon bereut.

Aber führt Cannabiskonsum (und die daraus resultierende Essensaufnahme) wirklich zur Gewichtszunahme? Die Forschungsergebnisse dazu sind widersprüchlich.

Bei Patienten mit niedrigem Gewicht, wie zum Beispiel HIV-Patienten oder Krebspatienten, konnte eine Gewichtszunahme im Zusammenhang mit Cannabis festgestellt werden. Eine Studie fand heraus, dass Cannabinoide, die oral eingenommen oder geraucht wurden, effektiv das Verlangen nach Essen beeinflussten. Eine andere Studie kam zu dem Ergebnis, dass dies wohl am Placeboeffekt liegen muss. Andere Studien wiederum fanden heraus, dass regelmäßiger Cannabiskonsum zu einer Toleranz gegenüber diesen Wirkungen führen kann.

Im Gegensatz zu dem Mythos des “Munchie-Effekts” oder “Fress-Flash oder Kick”, gibt es Fälle, in denen Cannabis die Kalorienzufuhr erhöhte und andere, bei denen das nicht der Fall war. Dennoch weisen diese Belege darauf hin, dass Cannabis ein Helfer bei der Gewichtszunahme sein kann. Es wird aber noch einmal interessanter, wenn man sich umfassendere Studien zu diesem Thema anschaut.

Umfangreiche Längsschnittstudien wurden durchgeführt, um die Verbindung zwischen Cannabiskonsum und Adipositas zu erforschen. Genau wie in den oben aufgeführten Studien, kamen Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Cannabis mit einer erhöhten Kalorienzufuhr verbunden war. Unerklärlicherweise folgte durch den Konsum aber keine Gewichtszunahme. Mehrere Längsschnittstudien sind zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Während Cannabiskonsumenten von einer höheren Kalorienzufuhr berichteten, nahmen sie dennoch ab.

Obwohl Theorie und Studien besagen, dass die Stimulation von CB1 mit THC zu einer Gewichtszunahme führen kann, scheinen die meisten Cannabiskonsumenten von einer gegensätzlichen Wirkung zu profitieren. Es sieht so aus, als ob Cannabis vor starkem Übergewicht schützen kann, obwohl es das Verlangen nach Essen steigert. 

Ein Anhaltspunkt, der bei der Lösung des Rätsels helfen könnte, ist eine aktuelle Studie über die Darmflora von übergewichtigen Mäusen. Die Mäuse wurden wegen ihres Übergewichts mit THC behandelt. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass eine dauerhafte THC-Behandlung eine ernährungsbedingte Zunahme des Körpergewichts verhindern kann. Die unbehandelten Mäuse nahmen von der fettreichen Diät zu. Während die Mäuse, die eine Behandlung mit THC bekamen, ihr Gewicht hielten. Außerdem verbesserte sich die Darmflora der behandelten Mäuse und normalisierte sich immer mehr. Forscher dieser Studie folgerten daher, dass die Veränderungen im Darm durch THC tatsächlich zum Schutz vor Fettleibigkeit beitragen könnten.

Andere Wissenschaftler weisen darauf hin, dass es Unterschiede bei der kurzzeitigen oder dauerhaften Behandlung von Fettleibigkeit geben kann. Auf kurze Sicht kann Cannabis eine Gewichtszunahme veranlassen. Bei längerfristiger Behandlung kann Cannabis gegenteilig wirken und sogar vor Gewichtszunahme schützen. Forscher ziehen darüber hinaus die Möglichkeit in Erwägung, dass Cannabis eine regulierende Wirkung auf das Gewicht von untergewichtigen Menschen haben könnte. Andere Wissenschaftler wiederum sagen, dass es beim Verlust von Gewicht bei übergewichtigen Menschen helfen kann.

Es gibt jedoch ein paar Faktoren, die man bei der Bewertung solcher Studien beachten muss. Sie erklären auch, warum es zu widersprüchliche Ergebnissen kommen kann. Jede Studie ist unterschiedlich aufgebaut hinsichtlich des Ziels der Studie, der Teilnehmerzahl und vielen weiteren Faktoren. Hinzu kommt, dass Studien nie komplett unvoreingenommen durchgeführt werden können, da sie nicht von Computern durchgeführt werden, sondern von Menschen. Manche der Studien legten das Hauptaugenmerk auf Cannabis als mögliche Behandlungsart für Adipositas. Andere Studien wiederum hatten das Ziel, Cannabis als mögliche Ursache für Übergewicht zu untersuchen.

Ein weiterer bedeutsamer Faktor ist die chemische Zusammensetzung des verwendeten Cannabis. Es gibt einige Unterschiede in der Zusammensetzung der Bestandteile zwischen den einzelnen Studien, sofern sie denn überhaupt aufgezeichnet wurde. In einigen Studien lag der THC-Gehalt zum Beispiel bei 1,84 Prozent. Das ist ein niedriges Level im Vergleich zu vielen Cannabissorten, die heute auf dem Markt sind. Andere Studien beobachteten die Wirkung von Cannabis im Allgemeinen, ungeachtet der genauen chemischen Zusammensetzung der verwendeten Cannabissorte.

Wenn man sich im Besonderen THC und CBD anschaut, ist es wichtig zu beachten, dass die chemische Zusammensetzung der Cannabispflanze sehr stark variiert und die Wirkungen der einzelnen Bestandteile sich verändern, je nachdem welche anderen Chemikalien vorhanden sind. Das nennt man den “Entourage-Effekt”. Aufgrund dieser Wandelbarkeit ist es schwer aussagekräftige Ergebnisse bei der Betrachtung von Cannabis im Allgemeinen zu bekommen. Deshalb kann man nicht genau nachweisen, ob THC und CBD für die Wirkung, die Cannabis bei Adipositas zu haben scheint, verantwortlich ist oder ob andere Bestandteile diese Wirkung begünstigen.

Des Weiteren spielt auch die Größe der Probandengruppe eine Rolle. Manchmal fanden Studien mit Tausenden von Teilnehmern statt. Bei anderen Studien war die Teilnehmerzahl so gering (weniger als zehn Personen), dass die Informationen mit Vorsicht zu genießen sind. Wenn die Teilnehmerzahl so gering ist, können individuelle Unterschiede und andere Faktoren das Ergebnis der Studie trüben.

Wir sollten uns daher einig sein, dass mehr Forschung betrieben werden muss, um all diese Vorgänge genau zu verstehen.

Die Verwendung von Cannabis gegen Fettleibigkeit

Sollten Sie in Erwägung ziehen Cannabis gegen Übergewicht zu verwenden, denken Sie daran, dass Cannabis bei kurzzeitigem Gebrauch eher dazu neigt eine Gewichtszunahme zu begünstigen. Dennoch sind Sie statistisch gesehen davor bewahrt zuzunehmen, sofern Sie Cannabis über einen längeren Zeitraum kontinuierlich einnehmen.

Vorher sollten Sie sich aber sicher sein, dass Cannabis für die medizinische Behandlung Ihrer Krankheit in Ihrem Land legal ist. Sprechen Sie mit einem Arzt darüber, ob für Sie eine Behandlung mit medizinischem Cannabis überhaupt infrage kommt. In keinem Land ist Adipositas als spezifische Krankheit gelistet, bei der man Cannabis verschreiben sollte. Jedoch gibt es Länder, die auf Rezept eines Doktors bei allen möglichen Krankheiten Cannabis aushändigen dürfen.

Zur Zeit können Patienten in folgenden Ländern für den privaten Gebrauch oder durch Verschreibung eines Arztes Cannabis erwerben:

  • Brasilien
  • Chile 
  • Deutschland
  • Ecuador
  • Estland
  • Finnland
  • Griechenland
  • Guam
  • Kambodscha
  • Kanada
  • Kolumbien
  • Mazedonien
  • Niederlande
  • Norwegen
  • Österreich
  • Paraguay
  • Peru
  • Spanien
  • Türkei
  • Uruguay

Auch in den folgenden US-Bundesstaaten kann Cannabis legal erworben werden:

  • Alaska
  • California
  • Colorado
  • District of Columbia 
  • Maine
  • Massachusetts 
  • Maryland
  • Missouri 
  • Michigan
  • Nevada
  • Oklahoma
  • Oregon
  • Washington
  • Vermont 
Haftungsausschluss

Inhalte auf The Cannigma dienen nur zu Informationszwecken. Sie sind kein Ersatz für professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Vor Beginn einer Behandlung mit Cannabis sollten Sie sich immer von einem Arzt mit Erfahrung mit medizinischem Cannabis beraten lassen.

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